OBJEKT DES MONATS

Sebastian Münster und die italienische Ausgabe seiner Cosmographia

Der Tresor am Römer hat diesen Monat eine außerge-
wöhnliche Ausgabe der bekannten
Cosmographia von Sebastian Münster im Angebot. Die italienische Ausgabe, die in dieser Vollständigkeit sehr selten ist und eine interessante Publikationsgeschichte vorzuweisen hat, präsentiert trotz eines doppelt abgesicherten Zensurvorganges den Tanz dreier splitternackter und frohlockender Sibyllen.

 

Die Cosmographia zeigt uns die Welt, wie sie Mitte des 16. Jahrhunderts gesehen wurde. Sebastian Münster schrieb, beauftragte, sammelte und redigierte Texte über Dörfer, Städte, Landschaften, Länder, Inseln, Kontinente und deren Be- und Einwohner, Menschen und Tiere, Götter und Fabelwesen, Sitten und Gebräuche, Geschichte und geographische Beschaffenheiten, Einfüßler und Kopflose. 20 Jahre hat der damals in Basel lebende Gelehrte mit aufklärerischem Willen an der ersten Ausgabe dieses einmaligen Buches gearbeitet und ließ dieses - reich mit Holzschnitten ausgestattet - 1544 bei Heinrich Petri, seinem Stiefsohn, drucken und veröffentlichen. Beinahe jedes Jahr erschien das umfangreiche und wohl gut verkäufliche Werk, bald auch in erweiterten Ausgaben, so dass es 1628 in der letzten Baseler Veröffentlichung circa 1800 Seiten stark und mit fast 100 doppelseitigen und 1500 teils ganzseitigen teils kleineren Holzschnitten illustriert war. Es sollen über 70.000 Exemplare gedruckt worden sein - davon erschienen 27 Auflagen in deutscher Sprache. Neben lateinischen, französischen, englischen und einer tschechischen Ausgabe gab es auch drei italienische, derer eine zensiert wurde, den Namen eines Kölner Verlages auf dem Titelblatt trägt, und von der wir heute ein Exemplar auf diesem Weg empfehlen wollen.

 

Justament in dem blutgefärbten Jahr 1572 nahmen sich die gut organisierten katholischen Zensoren in Antwerpen die lateinische Ausgabe der Cosmographia für eine Säuberungsaktion vor, um die Weltgeschichte von ihnen unpassend erscheinenden Ereignissen und Andersgläubigen zu reinigen. Die Abneigung gegen Calvin war so groß, dass sein Name konsequent entfernt wurde, der Betrug eines römischen Papstes getilgt, ebenso sollte die Löschung einer päpstlichen Tyrannei das Werk von Sebastian Münster neben circa 50 weiteren zensierten Stellen, mitunter seitenlang, für die katholischen Länder und Städte lesebereit machen. Fleissig und gewissenhaft anerkannten die kaiserlichen Zensoren ebenfalls die in Venedig von hiesigen Kollegen zensierte Ausgabe, nämlich die italienische. Die drei Zensurvermerke, die nur die hier angebotene Ausgabe enthält, versichern sodann, dass es sich um eine mehrfach gereinigte und geprüfte Ausgabe handelt. An dieser Stelle gibt es überraschende Verbindungen innerhalb der Gelehrtenwelt, denn zwei dieser Vermerke hat Arias Montanus unterschrieben. Er leitete über Jahre die aufwendige Herausgabe der fünfsprachigen Biblia Regia in Antwerpen und war eng befreundet mit dem Verleger der Bibel, Christoph Plantin, sowie mit Abraham Ortelius, dem berühmten aus Antwerpen stammenden Kartographen.


Drei Jahre nach der 1572 erschienen lateinischen und zensierten Ausgabe veröffentlichte ein Kölner Verlag die italienische und zensierte Cosmographia universale. Hans H.J. Horch, der die italienischen Ausgaben unter die Lupe genommen hat, konnte nachweisen, dass der Kölner Verlag Birckmann die Restbestände der ersten italienischen Ausgabe von 1558 übernommen hatte (welche wahrscheinlich bei Heinrich Petri und nicht, wie auf dem Titelblatt angegeben, bei F.Thomasini erschienen ist) und, dass die Seiten, die von der Zensur betroffen waren, neu gesetzt und gedruckt worden sind. Diese lassen sich heute durch ihre bräunliche Färbung und den kleineren Schriftgrad deutlich erkennen. Unser Exemplar verfügt über die Seiten 371/372, die, wie der Wissenschaftler feststellen konnte, in dieser Ausgabe häufig aufgrund der zensurbedingten neuen Zusammenstellung der Lagen verloren gegangen sind.

 

Der international tätige Verlag Birckmann, der auch in Antwerpen und in London eine Filiale unterhielt, hat die Handelsbeziehungen zwischen Köln und Venedig genutzt und konnte in der Buchstadt Venedig, als auch in Mailand, Rom, Florenz, Bologna Neapel, Turin und anderen größeren Orten auf Abnehmer für die italienischsprachige Cosmographia hoffen. Da die italienische Sprache die lateinische selbst aus Bereichen wie Geschichte, Theologie, Recht, Geographie und natürlich der Literatur immer stärker verdrängte (das bekannte venezianische Verlagshaus Giolito hat nur 5% ihres wie oben angegebenen Programmes in Latein publiziert), waren wohl auch gebildete und wissenschaftlich orientierte Käufer interessiert. Die rhythmisch geordneten Ansichten von Rom, Florenz und Venedig, sowie die plakative Darstellung der Theater-Arena von Verona hatten möglicherweise auch für die Italiener einen besonderen Reiz, wie auch die vielen unbekannten Länder und Kontinente, als auch Merkwürdigkeiten wie das Krakauer Monster oder der Abbildung eines Menschen mit einem Hundekopf, den man meinte in Asien entdeckt zu haben.

 

Einen sinnlichen Reiz hat der Holzschnitt mit den drei Sibyllen, die auf Seite 174 lebenslustig und freizügig den Betrachter des Buches erfreuen, seit es die Ausgabe von 1550 gibt. Der Künstler, der die nicht nur motivisch sondern auch stilistisch gelungene Darstellung geschaffen hat, ist uns leider namentlich nicht bekannt. Sicher aber ist, dass die Darstellungen einer nackten Sibylle in der Kunstgeschichte unüblich war, wenn nicht gar unbekannt. Hier sehen wir also drei Wonneproppen, die neckisch wie Amor, selbstbewusst wie Venus und bestückt wie ein wohlgenährtes Bauernweib ihre Weissagungen kundtun. Die Zensoren, weder die venezianischen noch die spanischen, scheinen an dem prallen Hintern, den vollen Brüsten und der vorgestreckten Scham Anstoß genommen zu haben. Hier dürfen wir vermuten, dass die Inquisition sich eine menschliche Regung gestattet hat und anstatt den tilgenden Federkiel zu führen, einen tiefen Blick in die entzückenden Sibyllen-Äuglein wagte. Auch wir können uns an den drei Weissagerinnen erfreuen, die sich in Zeiten von hasserfüllten Glaubenskriegen in ihrer lebensbejahenden Natürlichkeit dargeboten haben und sich bis heute so fleischlich unkonventionell zeigen.     (nns.)

MÜNSTER, Sebastian. Cosmographia universale, nella quale secondo che n'hanno parlato ipiu veraci Scrittori, son designati siti di tutti gli paesi. Köln, Birckmann Erben, 1575. Fol. 6 Bl., 1237 S.(Pag.springt) mit 14 doppelblattgroßen Holzschnitt-Karten, 3 gefalteten (davon 1 koloriert) und 38 doppelblattgroßen Holzschnitt-Ansichten und ca. 900 Textholzschnitten. Pergament der Zeit, (etwas fleckig, Gelenke restauriert, Schließbänder erneuert). € 13.500,00

Burmeister 101; VD 16, 6713; Sabin 51403. - Dritte und letzte italienische Ausgabe. - Unter den doppelblattgroßen Karten befinden sich: 2 Welt-, 4 Kontinent- und 8 Karten europäischer Länder. Die Karte der "neuen Welt" in besonders kräftigem Abdruck. Die doppelblattgroßen Ansichten zeigen Worms, Heidelberg und Wien (koloriert, aus der französischen Ausgabe ergänzt). Unter den übrigen Ansichten sind: Augsburg, Basel, Colmar, Frankfurt, Freiburg, Erfurt, Lindau, Lübeck, Köln, Speyer, Trier, Würzburg etc. sowie zahlreiche italienische Städte. - Wenige Textschwärzungen von Hand. Hintere Seiten mit leichtem, nicht störendem Wasserrand, einige wenige Seiten gebräunt, wenige Anstreichungen, Stempel auf Titel verso (Hist. Seminar Hamburg). - Die Holzschnitte in guter Druckqualität auf kräftigem Papier. - Vorsätze erneuert, wenige Textstellen geschwärzt.- Gutes Exemplar.

Literatur:
Albus, Anita, Paradies und Paradox, Frankfurt a.M., 2002
Horch, Hans J.W., “Bibliographische Notizen zu den Ausgaben der ‘Kosmographie’ Sebastian Münsters in italienischer Sprache” in: „Gutenberg Jahrbuch“, 1976
Santoro, Marco, Geschichte des Buchhandels in Italien, Wiesbaden, 2003
Stumpfe, Wolfger, Sibyllendarstellung im Italien der frühen Neuzeit, Trier, 2005
Wessel, Günther, Von einem, der daheim blieb, die Welt zu entdecken, Frankfurt a.M., 2004
Wittmann, Reinhard, Geschichte des deutschen Buchhandels, München, 1991
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Christian Strobel danken wir für den uns zur Verfügung gestellten Text.