OBJEKT DES MONATS

Der scheuchzerische Gottesbeweis mit Hilfe des fliegenden Eichhorns

 

Der Tresor am Römer empfiehlt die hervorragende erste lateinische Ausgabe der Physica Sacra von Johannes Jacobus Scheuchzer, die 1731-1734 in Augsburg, der aktivsten deutschen Buchstadt der damaligen Zeit, verlegt wurde.

Sein dunkler voluminöser Talar schimmert samtig im faltigen Auf und Ab des kostbaren Stoffes. Aus dem Umhang schaut eine Hand hervor, die gleichermaßen empfängt und weist und in gewisser Elegance gehalten wird. Zwei exotische Muschelschalen, ein in sein Schicksal ergebener Fisch und eine exotische Pflanze liegen aufgereiht vor dem Naturwissenschaftler, der mit der linken Hand ein Buch hält. Zu vermuten wäre im Hintergrund ein drapierter Stoff in einer Studierstube. Üblich wäre auch ein Bücherregal oder eine Fensteröffnung zu jener Zeit gewesen. Aber der hier dargestellte Johannes Jacobus Scheuchzer, bekleidet mit professoralem Talar und bedeckt mit einer modischen Perücke, blickt mit getragenem wissenschaftlichem Ernst aus einer alpinen Berglandschaft heraus und muss so zumindest ungewöhnlich auf seine Zeitgenossen gewirkt haben. Der Farbteint des in Mezzotinto gefertigten Druckes ist der Technik gemäß vorwiegend in dunklen Halbtönen gehalten und verleiht diesen einen verführerisch tiefen und samtenen Grundton. Die Technik der Schabkunst wurde vor allem in England verwendet und war um 1730 in Augsburg zwar nicht mehr neu aber für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich.

Exorbitant, wenn nicht gar gewaltig war ja auch das Buchprojekt des Schweizer Mediziners Johannes Jacobus Scheuchzer, das er zusammen mit dem Verleger Johann Andreas Pfeffel aus Augsburg bewältigte. Die Physika Sacra erläutert und erklärt auf über 2000 Seiten und mit 758 Kupfertafeln die naturwissenschaftlichen Aspekte der Heiligen Schrift, um so einen Gottesbeweis zu erbringen. Läuse, Käfer, ein Nilpferd, Fossilien, Pflanzen, auch Bauwerke, Szenerien der Sitten und Gebräuche, das Sonnensystem, die wundersame Erdentstehung folgen dem scheuchzerischen System in aufwendig gestalteten Illustrationen für die der Künstler Johann Melchior Füßli die Vorzeichnungen anfertigte, Johann Daniel Preisler die mit reicher Ornamentik, allerlei Tierchen und anderen Figurinen verzierten Schmuckrahmen zeichnete und schließlich 26 Kupferstecher die Kupferplatten bearbeiteten. Die anfänglich angekündigte Anzahl von 400 Kupfertafeln wuchs im Laufe der Zeit auf 758 an und so musste der Verleger auch den in der Vorankündigung genannten Subskriptionspreis von 40 auf 75 Gulden anheben. Der enorme Anstieg des bereits hohen Preises löste dann auch einigen Protest bei den Pränumeranten aus. (Als vager Preisvergleich kann das 1705 in Amsterdam erschienene Werk Metamorphosis Insectorum Surinamensium von Maria Sibylla Merian dienen, das mit 60 Kupfertafeln 15 Gulden in der Subskription kosten sollte. 1708-1714 mussten Käufer 18 Gulden für die 2 Bände mit 250 Kupfertafeln der Nürnbergischen Hesperiden von J.C.Volckamer zahlen.) Der Druck der umfangreichen vier Foliobände hat letztendlich fast vier Jahre gedauert.

 

Es ist interessant, dass von der deutschen und der lateinischen Ausgabe jeweils 500 Exemplare gedruckt wurden, denn bislang wurde bei wissenschaftlichen und theologischen Veröffentlichungen die lateinische Sprache bevorzugt. Der Verleger konsultierte u.a. einen Kollegen, der eine deutsche Ausgabe empfahl, die ebenso von Beamten und Kaufleuten lesbar sei. Ein Interessent bestätigte diese Einschätzung, indem er auf die Neugierde seiner Frau und seiner Tochter hinwies, die nur durch eine vorliegende deutsche Ausgabe gestillt werden könne. Doch gab es auch Gelehrte, die der lateinischen Sprache den Vorzug gaben und so entschied sich Johann Andreas Pfeffel für zwei Ausgaben. In einem Brief beklagte der Verleger jedoch einen schleppenden Absatz der lateinischen Übertragung. Folglich muss der Verkauf der deutschen Ausgabe besser verlaufen sein und man kann die Vermutung wagen, dass die Käuferschaft zwar dem besser verdienenden aber nicht dem humanistisch gebildeten Bürgertum angehörte.

Es gibt viele Lebewesen in diesem Werk, die in ihrer Darstellung Interesse hervorrufen, doch besonders illustrativ erscheint das Fliegende Eichhorn, das uns in Band 3 entgegenspringt. Es hat große dunkle Augen mit langen Wimpern und kleinen Ohren. Lange Zähne und Krallen an den kleinen Fingerchen beweisen, dass das possierliche Tierchen nicht ganz ungefährlich ist. Der gesamte Körper mit den Flughäuten ist mit Fell bewachsen und wahrscheinlich versucht es den Betrachter mit weit auseinandergerissenen Gliedmaßen zu erschrecken. In Jesaia Cap.2 Vers 10 werden den Maulwürfen und den Fledermäusen silberne und güldene Götzen hingeworfen und ist demzufolge für Johannes Jacobus Scheuchzer Anlass genug auch über das fliegende Eichhorn, der Fledermaus ähnlich, zu schreiben. Er zitiert neben Conrad Gessners Historia animalium, das das erste wissenschaftliche, zoologische Werk der Renaissance war (s.a. unten im Angebot des Tresor am Römer), auch seinen Freund Heinrich Sperling aus London, der über das Tierchen zu berichten weiss, dass es Winterschlaf hält. Weitere Wissenschaftler werden aneinander gereiht, sowie Zeugen von der russischen Grenze, die berichtet haben wollen, dass das fliegende Säugetier Brot ohne Salz isst, dazu Birkenspitzen, Mandeln jedoch ablehnt. Fröhlich endet die ausführliche naturwissenschaftliche Betrachtung des fliegenden Eichhorns mit einem Spruch, der auch hier Anwendung finden soll, um den wissensdurstigen Leser zu einem Lächeln zu verführen und, um den Tresor am Römer in heiterer Erinnerung zu wissen. „Wenn diese Seltenheit ein Wissensfreunde liest, der danke, dass sein Bild von besserer Schönheit ist.“ (nns.)

 SCHEUCHZER, Johannes Jacob. Physica Sacra. Iconibvs aeneis illustrata procurante & sumtus suppeditante J. A. Pfeffel. Augsburg, Ulm, (Wagner). 1731-1735. Folio. Mit gestochenem Frontispiz, 2 gestochene Porträts und 760 ( 1 ankolorierten, 5 doppelblattgroßen) Kupfern auf 758 Tafeln. Halbschweinsleder der Zeit mit Rückenschildern, (gering beschabt und leicht fleckig). € 11.000,00

Erste lateinische Ausgabe. - Nissen ZBI 3660; Faber du Faur 1855; Lanckoronska/Oe. I, 32; Pritzel 8174. - Die sogenannte "Scheuchzersche Kupfer-Bibel" gilt als eines der schönsten Augsburger Kupferstichwerke und als ein Höhepunkt der barocken Buchkunst. Die Kupferstiche wurden nach Zeichnungen des Schweizer Malers Johann Melchior Füßli von Augsburger Künstlern gestochen. - Der Schweizer Universalgelehrte und Naturwissenschaftler Scheuchzer (1672-1733) stand mit zahlreichen Wissenschaftlern Europas seiner Zeit in Verbindung und versuchte in vorliegendem Werk sämtliche in der Bibel vorkommenden naturkundlichen Realien zu erläutern. "Besonders bemerkenswert sind S.s einzigartig gebliebenen Versuche einer naturwissenschaftlichen Exegese der Hl. Schrift..." (NDB 22, 712). - "In Scheuchzer's gigantic work... the Baroque attains, philosophically as well as artistically, its high point and its conclusion." (Faber du Faur). - Die schönen Kupfer mit reicher figürlicher und ornamentaler Umrahmung zeigen Darstellungen von Pflanzen, Säugetieren, Reptilien, Vögeln, Muscheln, Fabeltieren, Fischen, figürliche Szenen aus dem Leben und der Bibel, Handwerk und Gewerbe, Bergbau, etc. - Die beiden Porträts zeigen Scheuchzer und Pfeffel, wobei das Porträt von Scheuchzer eine sehr schönes Schabkunstblatt darstellt. - Tafel 66 mit dem Regenbogen ankoloriert. - Teils gering stockfleckig, wenige Tafeln bis an den Plattenrand angeschnitten. Schönes Exemplar.

With engraved frontispiece, 2 engraved portraits and 760 (1 partly coloured, 5 doublepage-sized) engravings on 758 plates. Contemporary half calf with labels on spine, (slightly worn and spotted). - First latin edition. - Nissen ZBI 3660; Faber du Faur 1855; Lanckoronska/Oe. I, 32; Pritzel 8174. - The so-called "Scheuchzersche Kupfer-Bibel" is belonging to the most beautiful Augsburger works with engravings and a highlight of the baroque bookart. The engravings are by Augsburger artists after the drawings by the Swiss painter Johann Melchior Füßli. - The Swiss scientist and polymath Scheuchzer (1672-1733) was in contact with numerous scientists of Europe and tried to explain all texts of the bible relating to natural sciences. "Besonders bemerkenswert sind S.s einzigartig gebliebenen Versuche einer naturwissenschaftlichen Exegese der Hl. Schrift..." (NDB 22, 712). - "In Scheuchzer's gigantic work... the Baroque attains, philosophically as well as artistically, its high point and its conclusion." (Faber du Faur). - The nice engravings framed with ornaments and figures are showing plants, reptils, birds, mammals, fantasy animals, fishs and figured sceneries of life and of the bible, handcraft, commerce, mining, etc. - The two portraits are showing Scheuchzer unhd Pfeffel. - Plate 66 with the rainbow partly coloured. - Partly some foxing, a few of the plates trimmed close to the margin. Nice copy.

GESSNER, Conrad. Historiae Animalium Liber I. de Quadrupedibus viviparis. Zürich, Froschauer, 1551. Folio. 20 nn. Bl., 1104 S., 6 nn. Bl., mit Wappenholzschnitt auf dem Titel, 82 Textholzschnitten und einem großen Holzschnitt auf dem letzten Blatt. Etwas spätere Lederband mit reicher Rückenvergoldung und Rückentitel, (Gelenke, Ecken und Kanten unterlegt, etwas berieben). € 4.400,00

Erste Ausgabe. - Nissen ZBI 1549; Adams G 532; VD16 G 1723; Leemann-van Elck S. 126. - Die von 1551-1587 in 5 Bänden erschienene "Historia animalium" gilt als das erste wissenschaftliche, rein zoologische Werk der Renaissance. - "Durch seine 'Historia animalium' ist G. der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Zoologie geworden ... " (Hirsch/H. II, 732). - "Die Zeichnungen sind zumeist wissenschaftlich-naturalistisch gehalten ... So entstand in Gesners Tierbüchern ein typo- und xylographisch, wie wissenschaftlich hochbedeutendes Monumentalwerk"" (Leemann-van Elck, 70). - "Seine "Historia animalium" ist eine Enzyklopädie des gesamten damaligen zoologischen Wissens, die nicht nur die mittelalterlichen Sammelwerke, sondern auch das gleichnamige Werk des Aristoteles ersetzen sollte. Eine große Breitenwirkung erreichte Gessner durch die zahlreichen deutschen Bearbeitungen seiner "Historia animalium". Seine Tiergeschichte war der "Brehm" früherer Jahrhunderte, populär vor allem durch ihre gut tausend charakteristischen Holzschnitte." (Deutsches Museum München). - Der Holzschnitt am Schluss des Buches zeigt die Geburt Evas. - Teilweise am oberen Rand und Bug wasserfleckig, einige Seiten etwas stärker betroffen. Besitzeintrag (Petrus Boucher) von alter Hand auf Titel. Gutes Exemplar.

With woodcut coat of arms on title, 82 woodcuts in text and a large woodcut on the last leaf. Slightly later calf, back richly gilted, title on spine, (hinges, corners and edges restored, slightly worn). - First edition. - Nissen ZBI 1549; Adams G 532; VD16 G 1723. - The 5 volumes of "Historia animalium" is said to be the first scientific, zoological study in the Renaissance. - "Durch seine 'Historia animalium' ist G. der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Zoologie geworden ... " (Hirsch/H. II, 732). - "Die Zeichnungen sind zumeist wissenschaftlich-naturalistisch gehalten ... So entstand in Gesners Tierbüchern ein typo- und xylographisch, wie wissenschaftlich hochbedeutendes Monumentalwerk"" (Leemann-van Elck, 70). - "Seine "Historia animalium" ist eine Enzyklopädie des gesamten damaligen zoologischen Wissens, die nicht nur die mittelalterlichen Sammelwerke, sondern auch das gleichnamige Werk des Aristoteles ersetzen sollte. Eine große Breitenwirkung erreichte Gessner durch die zahlreichen deutschen Bearbeitungen seiner "Historia animalium". Seine Tiergeschichte war der "Brehm" früherer Jahrhunderte, populär vor allem durch ihre gut tausend charakteristischen Holzschnitte." (Deutsches Museum München). - The woodcut at the end of the book is showing the birth of Eva. - Some waterstaining to the upper and gutter margin, partly stronger. Old handwritten owner's name (Petrus Boucher) on title page. Good copy.

GESSNER, Conrad. Historiae Animalium Liber II. Qui est de de Quadrupedibus oviparis. Frankfurt, Laurentius, 1617. Folio. 3 nn., 1 w. Bl., 119 S., mit Holzschnitt auf dem Titel und 22 Textholzschnitten. Moderner Lederband mit Rückentitel, (minimal beschabt). € 1.000,00

Dritte Ausgabe des Bandes zu den Reptilien. - Nissen ZBI 1550; VD17 1:001713D. - Die erstmals von 1551-1587 in 5 Bänden erschienene "Historia animalium" gilt als das erste wissenschaftliche, rein zoologische Werk der Renaissance. - "Seine "Historia animalium" ist eine Enzyklopädie des gesamten damaligen zoologischen Wissens, die nicht nur die mittelalterlichen Sammelwerke, sondern auch das gleichnamige Werk des Aristoteles ersetzen sollte. Eine große Breitenwirkung erreichte Gessner durch die zahlreichen deutschen Bearbeitungen seiner "Historia animalium". Seine Tiergeschichte war der "Brehm" früherer Jahrhunderte, populär vor allem durch ihre gut tausend charakteristischen Holzschnitte." (Deutsches Museum München). - Durchgängig leicht wasser- und stockfleckig.

Woodcut on title and 22 woodcuts within the text. Modern calf with title on spine, (minimal rubbed). - Third edition of the volume on reptiles. - Nissen ZBI 1550; VD17 1:001713D. - The firstly 1551-1587 published 5 volumes of "Historia animalium" is said to be the first scientific, zoological study in the Renaissance. - "Seine "Historia animalium" ist eine Enzyklopädie des gesamten damaligen zoologischen Wissens, die nicht nur die mittelalterlichen Sammelwerke, sondern auch das gleichnamige Werk des Aristoteles ersetzen sollte. Eine große Breitenwirkung erreichte Gessner durch die zahlreichen deutschen Bearbeitungen seiner "Historia animalium". Seine Tiergeschichte war der "Brehm" früherer Jahrhunderte, populär vor allem durch ihre gut tausend charakteristischen Holzschnitte." (Deutsches Museum München). - Throughout with slight waterstaining and slight foxing.

Literatur:
Müsch, Irmgard, Geheiligte Naturwissenschaft: die Kupfer-Bibel des Johann J. Scheuchzer, Göttingen, 2000
Wettengl, Kurt (Hrsg.), Maria Sibylla Merian, Ostfildern, 1997
Wimmer, C.A., “Funktion und Bedeutung von Volkamers Zitrusbuch” in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, Petersberg, 2011
Wittmann, Reinhard, Geschichte des deutschen Buchhandels, München, 1991