OBJEKT DES MONATS

Frankfurt am Main, umgürtet und galant umtänzelt

Der Tresor am Römer stellt aus seinem umfangreichen Ange-
bot von Prospekten
der Stadt Frankfurt am Main eine Aus-
wahl von einigen Kupferstichen vor, deren Vorbild bis Mitte
des 18.Jahrhunderts vor allem die Ansicht von Matthäus Merian
war. Auf den zweiten Blick lassen sich auf den Darstellungen
Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen, die von der
schillernden Geschichte der Krönungs- und Messestadt erzäh-
len.

 

Endlich hat das Rokoko Frankfurts Stadtansicht gekapert. 1755. Junge Männer tummeln sich in Kniehosen und Justeaucorps auf Booten und kleinen Schiffen. Die Waden betont in engen Strümpfen, ein Bein ist lässig vorgestellt. Winzige Dreiecke, Dreispitze auf den Köpfen, tanzen über den Main. Lebhaft die drei Herren und die Dame in dem Ruderboot, etwas Wind setzt das Wasser in Bewegung. Die Figürchen sind zwar winzig auf dem über 1 Meter breitem Kupferstich, aber die angedeutete Galanterie lockert das mittelalterliche wehrhafte Stadtbild wirksam auf. Die große Ansicht von Frankfurt am Main wurde bislang nicht in solch lebhafter Stimmung gezeigt.

 

Über 130 Jahre früher - um 1618 - hat Matthäus Merian der Ältere einen ähnlichen Prospekt in Kupfer gestochen. Er zeigt den Main unter dunklen Pulverwolken - nach links und nach rechts wird scharf geschossen, als würde der 30jährige Krieg angekündigt. Immer wieder wurde Merians Ansicht von anderen Zeichnern und Stechern bis in die Mitte des 18.Jahrhunderts übernommen, meist leicht abgeändert, aber auch komplett, abgesehen von Details, kopiert, wie der Buchhändler Pieter van der Aa aus Leiden demonstrierte. Für seine “Galérie agréable du monde”, die er seit 1729 herausgab, ließ er in dem Mammutwerk neben 4000 Landkarten, Plänen, Illustrationen und Ansichten auch frech die Kopie nach Merians berühmter Stadtansicht in nur einer Auflage von 100 Stück drucken. Zwei Exemplare, davon eines koloriert, können im Tresor am Römer betrachtet werden.
 Tatsächlich veränderte sich auch wenig im 17.Jahrhundert am Stadtbild - bis auf die Erweiterung durch die schützende Wehranlage. Der damals erfolgreiche Baumeister Dilich ist mit der Konstruktion, deren Bau sich bis Ende des Jahrhunderts hinzog, beauftragt gewesen. Ein zusätzlicher Graben, ein Wall und 11 Bollwerke mit jeweils fünf Ecken schützten fortan Frankfurts Bürger. Die Darstellung von Pieter van der Aa war demnach nicht zeitgemäß und würdigte in einem kräftigen Druck von drei Platten einen nostalgischen Blick auf die Stadt.

 

1755 wurde in Augsburg der Zeichner J.F. Saur beauftragt, eine Gesamtansicht von Frankfurt zu zeichnen - einleitend sind bereits die Figurinen dieses Stiches beschrieben worden. Der Verleger Georg Balthasar Probst, der vor allem bekannt war für seine qualitätsvollen Guckkastenbilder, bot den imposanten Kupferstich in einer eindrucksvollen Breite von 104,5 cm an. Der Zeichner, der ab 1754 für Probst arbeitete und über den es nur wenig Informationen gibt, orientierte sich an einem mit umfassender und aufklärender Legende ausgestatteten Frankfurt-Prospekt von J.C. Haf(f)ner, der um 1740 gedruckt worden ist. Die erweiterten Befestigungsanlagen im Vordergrund links erregen beim Betrachten Aufmerksamkeit, doch Saur verkleinert auf seiner Zeichnung den Dom und verzerrt die Perspektive so, dass die Schutzanlagen noch größer wirken. Zugleich tändeln auf eindrucksvollen und massiven Schutzanlagen Stadtbewohner umher. Und der Zeichner stellt weitere Gegensätze her: die moderne, klare Architektur der Befestigungsanlagen vor dem kleinteiligen Gewimmel der mittelalterlichen Häuser; helle und dunkle Partien verstärken die Spannung und die bereits erwähnten galant anmutenden Rokokofigürchen wirken vor der mittelalterlichen Architektur anachronistisch.

 

Es mag kein Zufall sein, dass zwischen 1742 und 1755 die Gesamtansicht Frankfurts wieder auflebte, denn 1742 gab es ein außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte der Stadt. Es wurde zwar, wie gewohnt, in Frankfurt der gewählte Kaiser begleitet von aufwendigen Festlichkeiten gekrönt, doch aufgrund des Österreichischen Erbfolgekrieges musste Karl VII. in der Stadt am Main bleiben und bis 1745 von hier aus regieren; ebenso ansässig waren zu jener Zeit der Reichstag und der Reichshofrat. Frankfurt ist somit, wenn auch nur kurzzeitig, von der Messe- und Krönungsstadt zur Regierungsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aufgestiegen und beherbergte diplomatische Gesandte und Reichshofräte. Diese damals Nachklang auslösende Belebung scheint auch in den virtuos ausgeführten Kreuz- und Linienschraffuren Widerhall zu finden.

 

Gleichzeitig und bereits früher entwickelte sich auch in Frankfurt eine neue Art des Stadtporträts, die hier wenigstens kurze Erwähnung finden soll. Salomon Kleiner zeichnete einzelne Bauwerke und Plätze im Innern der Stadt. 1726 die alte, 1738 die neue Hauptwache, die eines der wenigen damals modernen Bauwerke verkörperte. Auch der jüngst wieder auf- und nachgebaute Hühnermarkt mit quirligem Marktgeschehen und dem Domturm im Hintergrund wurde von Kleiner dargestellt und – in scharfen exakten Linien von G.D.Heumann gestochen - in „Das Florirende Frankfurt“ aufgenommen.

Abschließend will ich mit der Lupe in der Hand eine kleine Eskapade wagen und auf einige von den Zeichnern aus sicherlich begründeten Überlegungen heraus eingefügte Vierbeiner hinweisen. Auf der Ansicht aus dem ungefähren Jahr 1618 von Matthäus Merian dem Älteren läuft der Hund dem Ackerochsen und dem Bauer voran, auf der Kopie von Pieter van der Aa von 1729 findet hingegen der Hund keine Beachtung, der Hühnermarkt von Kleiner aus dem Jahr 1738 ist ebenso hundefrei, bei J.C. Haf(f)ner wird 1740 ein Hund mit einer langen Peitsche abgerichtet und in dem sogenannten Probst-Blatt von 1755 stolziert der Hund den Flaneuren voran. Hundeliebhaberei? Oder Hinweise auf die soziale Bedeutung des Hundes in Frankfurt am Main?    (nn.seuss)


Literatur:
Bartetzko, D., u.a., Wie Frankfurt photographiert wurde, Frankfurt, 1977

Bothe, Friedrich, Geschichte der Stadt Frankfurt, Frankfurt, 1913

Ruppersberg, Otto (Hrsg.), Frankfurt, Das Buch der Stadt, Frankfurt,1927
Wieduwilt, Sibylle, Katalog 49, Bilder aus Frankfurt, Frankfurt, 2013


GESAMTANSICHT - Francfort sur le Mein. Grosse Gesamtansicht von Westen mit einer Windmühle im Vordergrund und Booten auf dem Main. Sachsenhausen an der rechten Seite. Handkolorierter Kupferstich von 3 Platten gedruckt von Pieter van der Aa aus "Galerie agreable". Leiden, 1729. 29 x 104. Sehr aufwendig koloriertes Exemplar. Fauser I, 4111.
€ 3.800,00

Sehr seltene, große Ansicht Frankfurts.

GESAMTANSICHT - Francofurtu ad Moenum - Franckfurt am Mayn. Große Gesamtansicht von Westen. Mit Legende 1-27 in Latein und Deutsch unter der Ansicht. Kupferstich von 2 Platten gedruckt von Hafner. Augsburg, um 1740. 26,5 x 66. Gerahmt. Slg. Stiebel 10. € 3.900,00

Sehr seltenes Blatt mit der berühmten Ansicht Frankfurts von Westen nach der Vorlage von Merian. Der Ulmer Kupferstecher Johann Christoph Hafner (1668-1754) wurde durch eine Reihe von Porträts bekannt. In Augsburg stach er für den bekannten Verlag von Jeremias Wolff einige große Stadtansichten.

GESAMTANSICHT - Franckfurt am Mayn. Grosse Gesamtansicht von Westen mit Booten auf dem Main. In der Luft links mit Wappendarstellung, rechts Tafel mit Erklärungen in Deutsch, unter der Ansicht in Französisch. Kupferstich von 2 Platten gedruckt von Probst nach Saur. Augsburg, 1755. 39 x 104,5. Slg. Stiebel 6. € 4.000,00

Berühmte, dem Blatt von Merian nachempfundene Ansicht von Frankfurt. Georg Balthasar Probst (1732-1801), aus einer Augsburger Verlegerfamilie stammend und Schwiegersohn von Jeremias Wolff, gab genau wie dieser unter anderem eine Reihe von großen Stadtansichten nach Vorzeichnungen von G.I.Saur heraus. Die Frankfurter Ansicht wurde bereits 100 Jahre früher in ähnlicher Form (mit einer Windmühle im Vordergrund) von Matthäus Merian gestochen. Sehr schönes, sauberes Blatt in einem handversilberten Rahmen.

KARL VII. Höchst-Feyerliche Crönung Ihro Majestät des Römischen Kaysers Carls des Siebenden.... 1742. Innenansicht des Doms anlässlich der Kaiserkrönung Karls VII. Kupferstich von Rößler nach Fünck aus dem Krönungsdiarium. Frankfurt, 1742. 27,3 x 38. Mit Mittelfalte. Vgl. Slg. Cornill, 187. € 80,00

KARL VII. Illumination qui à été faite a l'Hotel de Son Excellence Monsieur le Baron de Wachtendonck Ambassadeur... à Franfort le 20. Decembre, l'An 1741. Darstellung des geschmückten Hauses des Pfälzischen Gesandten Baron Wachtendonk anlässlich der Krönung Karl VII. als König von Böhmen in Prag. Im Vordergrund zahlreiche Personen und Kutschen. Kupferstich von Eberspach nach le Clerc. Augsburg, 1741. 34,5 x 54. Mit Mittelfalte, leicht fleckig. Slg. Cornill, 184. € 420,00

Kupferstich von dem Augsburger Stecher Johann Jakob Ebersbach (1717-1754) nach einer Vorlage von Jakob Friedrich Leclerc (1717-nach 1768). Es handelt sich um eine von 2 großen von ihm geschaffenen Darstellungen der kurpfälzischen Wahl- und Krönungsillumination. (Thieme-B. XXII, 522).

KARL VII. Vue de L'Illumination De l'Hotel de son Excellence M.le Marechal Duc de Belleisle Ambassadeur .... le 12. Fevrier 1742... à Francfort... Darstellung der Illumination vor und an dem Haus des französischen Gesandten, neben dem Haus des spanischen Gesandten am heutigen Rossmarkt. Altkolorierter Kupferstich (Guckkastenblatt) von le Mouy. Paris, um 1780. 21,5 x 36. € 340,00

HÜHNERMARKT- Prospect des Marckts zu Franckfurth am Mayn. Ansicht des Hühnermarktes. Kupferstich von Heumann nach Salomon Kleiner aus : Das Florirende Frankfurt. Augsburg, Pfeffel, 1738. 26 x 32,5. Slg. Cornill, 287, 5. € 1.200,00

Kräftiger und sauberer Druck. Die von dem Kurfürstlich Mainzischen Hofingenieur Salomon Kleiner (1700-1761) geschaffenen Ansichten zählen zu den schönsten Darstellungen Frankfurts aus der Barockzeit und wurden in den folgenden Jahren von zahlreichen Stechern als Vorlage genutzt und in etwas veränderter Form nachgestochen.