OBJEKT DES MONATS

“Ich schaffe es nie, mich ohne Katastrophe durch ein Buch zu rackern.”
Und doch wurde “To the Lighthouse” von Virginia Woolf ein Werk, das einen festen Platz in der Literaturgeschichte gefunden hat. Der Tresor am Römer stellt hier die erste Ausgabe in einem besonderen Einband vor.


Als der Roman „To the Lighthouse“ am 5.Mai 1927 erschien, war die englische Autorin Virginia Woolf vor nervöser Erwartung hin- und hergerissen.

Es war der vierte Roman und ihr Gesundheitszustand war zu jener Zeit so labil - ein „Nervenzusammenbruch en miniature“ -, dass sie den Schreibprozess für zwei Monate unterbrechen musste. Ihre schwankende Psyche äußerte sich – wir können es in ihren Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und den Biographien nachlesen – in Verunsicherungen und Selbstzweifeln – trotz zügiger Schreibphasen und obwohl ihr Mann Leonard Woolf den frisch beendeten Roman als Meisterwerk bezeichnet hatte. Ihrer Freundin Vita Sackville-West schickte sie ein Buch mit der selbstbewussten Widmung „Meiner Meinung nach der beste Roman, den ich je geschrieben habe“, doch in einem späteren Brief an ihre „geliebte Vita“ gesteht sie die Schwankungen in ihren Einschätzungen sowie ihre Erleichterung über das überaus positive Urteil der beeindruckten Freundin – schließlich war diese auch Schriftstellerin. Auch gegenüber Freund Charles Sanger, der Schwester Vanessa Bell, dem befreundeten Maler Roger Fry fielen belastende Steine von ihrer Seele – sie alle waren begeistert. Glücklicherweise wurde der vielschichtige und neuartige Roman auch von der Kritik einhellig als meisterlich beurteilt – bis auf wenige korrigierende Hinweise, die sich auf Saatkrähen, Ulmen und Dahlien beziehen, da der Lebensraum auf den Hybriden für sie ungeeignet sei.

 

Dort nämlich, auf der Hebrideninsel Skye, steht das Sommerhaus der Romanfamilie, aus dessen Leben Virginia Woolf im 1.Teil „The Window“ und im 3.Teil „The Lighthouse“ jeweils einen Tag beschreibt. Im Mittelteil „The Time passes“ verfällt im Laufe von 10 Jahren das Haus und die Hauptfigur Mrs.Ramsey und zwei ihrer Kinder sterben. Der Text überrascht den Leser mit einem ständigen Wechsel von Assoziationen, Projektionen und Wahrnehmungen zwischen den inneren Monologen von Mrs. Ramsey und der mit ihr befreundeten Malerin sowie der Außenwelt. Dieser Rhythmus, den man sich auch in Form eines Dreiecks vorstellen kann, taucht auf dem Rücken des hier angebotenen Exemplars wieder auf. Der Buchbinder hat ein Kleid für „To the Lighthouse“ gefunden, das in Material und Ornamentik formal eigenständig und einfühlend zum Lesen einlädt, die Essenz durch ein Bild nach außen wiedergibt: sich wiederholende Dreiecke, ein Meer vielleicht, in dessen Mitte ein Lichtsymbol, ein Leuchtturm, die Sonne ruht. „Stil ist eine einfache Sache“, hat Virginia Woolf an Vita Sackville-West geschrieben, „nichts als Rhythmus. […] Das was Rhythmus ist, ist wirklich sehr tiefgründig, und geht viel tiefer als Worte […].“ Der Buchbinder, so könnte man meinen, hat dieser Schreibauffassung eine adäquate Form zu geben beabsichtigt.

Ein kurzes Zitat aus einem Brief an ihre Vertraute Vita sei noch gestattet, um die Buchbeschreibung zu beenden: „Jetzt muss ich wieder einen ganzen Nachmittag vergeuden und in Läden reinste Todesqualen ausstehen, um einen Hut zu kaufen. […] ich kann Dir nicht sagen, wie intensiv meine Unglückseligkeit war, wie ich die Nacht hochfuhr und die Hände rang, alles weil ich zum Dinner ausgehen, und einen Hut kaufen, und Jacques Blanche [Maler und Freund von Marcel Proust] treffen musste! […].“ Die Quälereien, die man in Kaufhäusern und in Umkleidekabinen ertragen muss, kennt wohl jeder. Deswegen kaufen und verkaufen wir ja auch lieber Bücher und würden uns über ihren Besuch im Antiquariat Tresor am Römer freuen, ohne Menschenmassen und ohne Kabinenspiegel.     (nns.)

WOOLF, Virginia. To the Lighthouse. London, Hogarth Press, 1927. 8°. 319 S. Halbleder der Zeit mit goldgeprägtem Rückentitel und Rückenvergoldung, Goldschnitt, (Rücken minimal verblaßt). € 880,00

Erste Ausgabe. - New Cambridge Bibliogr. 4, 473. - Der dritte große Roman der britischen Schriftstellering Virginia Woolf (1882-1941), die mit ihrem präzisen Stil Landschaften und Personen zu zeichnen zahlreiche nach ihr folgende Schriftsteller beeinflusst hat. - „Du liebe Zeit, wie schön manche Stellen von The Lighthouse sind! Weich & geschmeidig, & tief, meine ich, & kein einziges falsches Wort, seitenlang manchmal." (Tagebuch, 21. März 1927, 3). - Der Roman zählt nach George Eliots "Middlemarch" zu den bedeutendsten britischen Romanen. - Leicht stockfleckig, schönes Exemplar.

Half calf with gilt title on spine and gilding on spine, all edges gilt, (spine slightly faded). - First edition. - New Cambridge Bibliogr. 4, 473. - The third major novel by the British writer Virginia Woolf (1882-1941), whose precise style of drawing landscapes and characters influenced many writers who followed her. - „Du liebe Zeit, wie schön manche Stellen von The Lighthouse sind! Weich & geschmeidig, & tief, meine ich, & kein einziges falsches Wort, seitenlang manchmal." (Tagebuch, 21. März 1927, 3). - After George Eliot's "Middlemarch", the novel is one of the most important British novels. - Slightly foxed, nice copy.

Literatur:
Bell, Quentin, Virginia Woolf, Frankfurt a.M., 1977
Woolf, Leonard, Mein Leben mit Virginia, Frankfurt, 2003
Woolf, Virginia, Schreiben für die eigenen Augen, Frankfurt, 2012
Woolf, Virginia, Briefe, Frankfurt, 2006