OBJEKT DES MONATS

Der edle Held Theuerdank

1519 - vor 500 Jahren - starb Kaiser Maximilian I. und ein prächtiges Buch, das bereits 1517 gedruckt wurde, erschien in der Öffentlichkeit, das beträchtlich zur Mythenbildung um die Person dieses gebildeten Herrschers beitrug. Heute bietet der Tresor am Römer die neugereimte Ausgabe des reich illustrierten Werkes an.

 

 

Das Buch Die Ehr und man(n)liche Thaten, Geschichten unnd Gefehrlichaitenn des Streitbaren Ritters, unnd Edlen Helden Tewerdanck erzählt in 118 Kapiteln, wie der Theuerdank genannte Held zu seiner zukünftigen Braut, dem Fräulein Ehrnreich, reitet. Auf dieser ohnehin gefährlichen Reise sind zudem die drei Hauptleute Fürwittig, der personifizierte Übermut, Unfalo, die Vermessenheit in Person und der missgünstige Neidelhart bestrebt, den zukünftigen Bräutigam an der Heirat zu hindern und bedienen sich, um ihr hinterlistiges Ziel zu erreichen, einem wilden Hirschen, einer gereizten Bärin, einem Wildschwein, einem sehr großen Polierstein, einem waghalsigen Gebirgspfad, einer glatten Eisfläche und anderen Widrigkeiten. Der Inhalt der einzelnen Kapitel, die Konzeption, ja sogar Vorzeichnungen für die Holzschnitte stammen vom Kaiser selbst, denn dieses Buch, das offensichtlich seinen Nachruf als mutigen und unbesiegbaren Ritter sichern konnte, sollte - so angewiesen - nach seinem Tod in 300 Papierexemplaren und 40 Exemplaren auf Pergament verteilt werden. 1517 wurde es in Augsburg bei Johann Schönsperger gedruckt, doch da der Kaiser - man glaubt es ungern - den Dienst nicht bezahlen konnte, produzierte der betrogene Drucker umgehend nach dem Ableben Maximilians 1519 einen Raubdruck, der zügig in den Handel gelangte.

 

Die Verse dieser ersten Ausgabe hat Melchior Pfintzing verfasst, nachdem Marx Treitsaurwein, persönlicher Sekretär des Kaisers, die Bearbeitung der Texte und Inhalte nach ebendiesem vorgenommen hatte. Man kann bereits an der Textentstehung erkennen, dass dem Habsburger dieses Projekt am Herzen lag. Der Text der hier vorliegenden Ausgabe aus dem Jahr 1553 ist von Burkard Waldis, evangelischer Pfarrer und Fabeldichter, sprachlich modernisiert worden. Christian Egenolff, Frankfurter Verleger von beachtlichen Werken wie der sogenannten Egenolffschen Bibel mit den Illustrationen von Hans Sebald Beham oder dem Teutschen Kräuterbuch von Adam Lonicer, ein Standardwerk der damaligen Zeit, hat die Neubearbeitung des Theuerdank beauftragt und schließlich mit den Originalholzstöcken der Holzschnitte drucken lassen und rettet so den mittelalterlichen Ritter in die neue Zeit. Im Vorwort dieser Ausgabe sah sich Waldis veranlasst, dem Leser die Gründe seiner Neubearbeitung mitzuteilen, nämlich das bisher leere Kapitel 117, das dem Aufbruch Theuerdanks zum Kreuzzug folgt sowie die Behäbigkeit der alten Reime, die nun in der Neuerscheinung auf dem Titelblatt als lustige Reime beschrieben werden. Sicherlich waren auch die Reformation und deren Vertreter, die sich auch in Frankfurt am Main durchsetzten konnten, bestrebt sich indirekt in literarischen Werken kundzutun. Ein Forschungsprojekt in Wien ist derzeitig damit befasst, die sprachlichen Unterschiede der drei Ausgaben aufzuspüren und so konnte bereits festgestellt werden, dass in der Waldis-Bearbeitung bei Sturm gerudert wird, um sich zu retten, während Pfintzing die Bedrohten auf Gott vertrauen lässt. An den Leser ist zudem in dem hier angebotenen Theuerdank der Schlüssel verraten worden, der in der ersten Ausgabe noch nicht direkt auffindbar war: Maximilian I. ist Theuerdank - und so wurde der Realität eine neue Legende geboren, während der Phantasie ein Held genommen worden ist.

Die Holzschnitte, immerhin 118 Stück, entstanden unter vielen Händen. Kaiser Maximilian hat Vorzeichnungen gemacht und ein Inhaltsverzeichnis anfertigen lassen, dem die drei Künstler Leonhard Beck, Hans Schäufelein, Hans Burgkmair und noch mindestens ein weiterer, unbekannt gebliebener Illustrator folgten. Jost de Negker setzte die Zeichnungen in Holzschnitte um und erst nachdem der ambitionierte Kaiser die Hälfte der Probedrucke korrigieren ließ, konnte die Auflage gedruckt werden. Es ist bekannt, welcher Künstler welche Illustrationen geschaffen hat und so kann man auch feststellen, dass Leonhard Beck mit 77 Stück den weitaus größten Anteil am bildnerischen Werk hat. Auf den ersten Blick wirken die Bilder stilistisch einheitlich, ist doch u.a. die detaillierte Darstellung der einzelnen Personen streng eingehalten worden. Betrachtet man das Bild Nr. 19, eines unter vielen besonders gelungenen, lässt die Bildsprache schnell auf eine unübersichtliche Situation schließen: Der Fürwittig, erkennbar an seinem großen Krempenhut, hat dem jungen und noch unerfahrenen Theuerdank zu einer Gefährlichkeit geraten. Der Wildschweineber - im Text eine Sau - erspäht in der Hand des eigentlichen Helden einen kurzen Degen - anstatt einer langen und sinnvolleren Saufeder! Natürlich möchte der neugierige Betrachter wissen, was passieren wird (ich werde es hier nicht verraten), denn Theuerdank, begleitet von dem treuen aber ewig herumstehenden Ehrenhold mit dem Glücksrad auf dem Überhang, steht mit zu kurzer Waffe dem gefährlich aussehendem Eber im Waldesgestrüpp gegenüber. Man belauert sich, dargestellt in einem variantenreichen Liniensortiment, das luftig schwungvolle Wolkenrundungen aufführt wie waagerechte Himmelsschraffuren, dichte rhythmische Tannennadellinien, leicht gekrümmte Schattenlagen, mittelstarke Umrisslinien, kurze struppige Eberfellstriche und wellige Ehrenholdhaarstränge.

 

Wer glaubt, es handele sich bei diesem Buch um einen Abenteuerroman für Jungs, der irrt. Auch Mädchen seien die 80 Aventüren empfohlen - “die den Theuerdank lesen und sich so einen Mann wünschen”, so jedenfalls hat es Adelheid in Goethes Götz von Berlichingen beobachtet. Heute im Jahr 2019 liegt mein Augenmerk auf das hübsch plissierte Röckchen über der Ritterrüstung und auf dem prächtigen Federbusch, der dem Helm des unbesiegbaren und gereiften Helden verführerisch zur Zierde dient.   (nn.seuss)

Literatur:


Lübbecke, Fried, Fünfhundert Jahre Buch und Druck in Frankfurt am Main, Frankfurt a.M., 1948


Appuhn, Horst (Hrsg.), Theuerdank, 1517, Dortmund, 1979


Goethe, Wolfgang, Götz von Berlichingen, Stuttgart, 1958


Vom Privatdruck zum Bestseller. Die Druckgeschichte des Theuerdank. In: ac.at. www.univie.ac.at, abgerufen am 28. November 2018.

 

 (PFINTZING, Melchior). Die Ehr und man(n)liche Thaten, Geschichten unnd Gefehrlichaitenn des Streitbaren Ritters, unnd Edlen Helden Tewerdanck. Zu Ehren dem hochloblichen Hause zu Osterreich, vnd Burgundien, etc. Zum Exempel aber vnnd Vorbilde allen Fürstlichenn Blut vnnd Adels genossen Teutscher Nation. New zugericht, Mit schönen Figuren vnnd lustigen Reimen volendet. Frankfurt/M., Chr. Egenolff, 1553. 4°. 4 nn., 110 Bl., mit Titelholzschnitt, Wappenholzschnitt verso und 118 Textholzschnitten von Leonhard Beck, Hans Schäufelein, Hans Burkmair u.a. Pergament des 18. Jahrhunderts mit Rückentitel, (gering fleckig). € 3.800,00 verkauft

Vierte Ausgabe dieses berühmten Holzschnittbuches des 16. Jahrhunderts. - VD 16 M 1653; STC German 690; Graesse VII, 107; vgl. Goedecke I, 336, 1; Adams P 962ff. - Erste Frankfurter Ausgabe in der Neubearbeitung des Textes von Burkard Waldis, aber den Holzschnitten aus der ersten Ausgabe von 1517, gedruckt von den Augsburger Originalstöcken. - Im Text werden in idealisierter Form die Erlebnisse des Kaisers Maximilian I., die seiner Werbung um Maria von Burgund vorausgingen, geschildert. - Titel in Rot und Schwarz. - Die Holzschnitte in guten, kräftigen Abdrucken. - Titelblatt am Innenrand alt angerändert, leicht gebräunt und fingerfleckig, am oberen Rand teils etwas knapp beschnitten. Ex-Libris auf Innendeckel und Stempel auf Titel (Fürstlich Stolberg. Bibliothek Wernigerode). Alte Katalogbeschreibung zu diesem Exemplar auf Innendeckel montiert, ebenso ein Zeitungsausschnitt von 1939.