OBJEKT DES MONATS

Vor 310 Jahren ist in Frankfurt am Main eines der wichtigsten Werke des Völker- und Naturrechts in deutscher Übersetzung erschienen. Heute bietet der Tresor am Römer ein Exemplar dieser seltenen Ausgabe an.

 

“Drey Bücher von Kriegs- und Friedens-Rechten” von Hugo Grotius

 

Sollten Sie - geneigter Leser - in Amsterdam oder in Delft eine ausgestellte Bücherkiste passieren, empfehle ich innezuhalten. Die eine - im Rijksmuseum - als auch die andere - im Museum Prinsenhof - wird als originale Boekenkist beschrieben, in der Hugo Grotius heimlich und unerkannt aus der Wasserburg Loevestein entfliehen konnte. Die Echtheit der Fluchtkisten ist derzeitig wohl nicht nachweisbar, aber es scheint sicher zu sein, dass die Drahtzieherin dieser gelungenen Befreiungsaktion die Ehefrau des bekannten Juristen war. Grotius, der in seinen juristischen Beurteilungen den Staat über die kirchliche Rechtsauffassung stellte, war 1619 von orthodoxen Calvinisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zwei Jahre saß er im Wasserschloss und begann dort sein wohl wirksamstes Buch “De jure belli ac pacis” zu schreiben, beendete es in Paris und ließ es dort auch 1625 veröffentlichen. In der Vorrede seines Völker- und Naturrechts schrieb er listig: “Nicht kann zugegeben werden, daß kein Gott sey”, und führte mit “aber” fort. Häresie konnte man ihm so nicht vorwerfen, doch gemäß seiner Formulierung bestand die Möglichkeit, dass es doch keinen Gott geben könnte und so maß er mit dieser Finte dem Naturrecht eine stärkere Bedeutung bei. Demzufolge war die Rezeption im 17.Jahrhundert in Deutschland voller Ablehnung und Widerstände. Die Bedeutung dieses Werkes aber soll trotzdem, so beschreibt es M.Stolleis in seiner “Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland”, im 17.Jahrhundert nach dem 30jährigen Krieg groß, im 18.Jahrhundert noch gewachsen sein. Die Verbindung zwischen Scholastik, humanistischer Antike und politischer Bedürfnisse habe dieses Werk berühmt gemacht.

 

In Deutschland gab es bis in die 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts nur wenige drei Übersetzungen, während im französischen und im englischen Sprachraum die Übersetzungstätigkeit um ein Mehrfaches häufiger war. Die 1. deutsche Übersetzung erschien 1707 in Leipzig mit einer Einleitung von C.Thomasius, der sich mit dem Thema des Naturrechts intensiv beschäftigt hat. Die 2. deutsche Übersetzung, nämlich die hier angebotene, folgte nur zwei Jahre später und umfasst sämtliche bis dahin erschienenen Erläuterungen von Gelehrten wie Samuel Pufendorf, Caspar Ziegler, Christian Thomasius, Johann Heinrich Boecler und vielen anderen. Von dem Übersetzer Johann Nicolaus Serlin, auf dem Titelblatt mit Monogramm angedeutet, ist wenig bekannt. Er war 1696 als Sekretär des Oberlandgerichts des Herzogtums Ehsten unter den Königen von Schweden (also Estland) angestellt und ist bereits 1710 an der Pest gestorben.

Deutsche Veröffentlichungen waren Anfang des 18.Jahrhunderts keine Seltenheit mehr, ganz im Gegenteil, im Jahr 1714 war der Anteil der deutsch- zu den lateinischsprachigen Schriften doppelt so hoch. R.Wittmann formulierte in seiner “Geschichte des deutschen Buchhandels” pointiert die Situation: “… der Rückgang der lateinischen Produktion signalisiert den Niedergang der Frankfurter Messen und den Aufstieg der national-deutschsprachig dominierten Leipziger Konkurrenz.” Tatsächlich war die Situation in Frankfurt schwierig. Infolge des spanischen Erbfolgekrieges bedrohten französische Truppen Frankfurt, der internationale Messehandel ging zurück und F.Lübbecke notierte den Zusammenbruch des Verlagswesens in der Stadt am Main zwischen 1680-1730. Nur zwei große Verleger, B.C. Wust und J.D. Zunner, konnten sich mit teilweise hohen Auflagen von Bibeln und Gesangbüchern halten. Umso erstaunlicher ist es, dass der unauffällige Drucker und Verleger Johann Bauer dieses aufwendige und immerhin mit Titelkupfer versehende Werk 1709 veröffentlichte. 13 Jahre zuvor hat er zusammen mit Zunner die lateinische Ausgabe von “De jure belli ac pacis” produziert. Doch das alleinige verlegerische Wagnis der deutschen Ausgabe, die “zu finden bey Notar. Fischern neben dem Schonburger Hof” war, hat er vermutlich mit einer kleinen Auflage begonnen. Es gibt Hinweise von Gelehrten aus dem 19.Jahrhundert, die die Seltenheit dieser Ausgabe bestätigen.

 

Hingewiesen werden soll an dieser Stelle auf das kräftig gedruckte und in üppig verzierter ovaler Kartusche präsentierte Porträt von Hugo Grotius sowie auf den Titelkupferstich, der in einer Mischung aus antiker und engelsreicher Bilderwelt dargestellt ist. Justitia urteilt vorurteilsfrei mit verbundenen Augen. Pax, mit einem Ölzweig und einem Füllhorn beladen, weicht vor Merkur und seinem Schwert zurück. Hinter und unter ihm im Schattenreich herrschten Tod und Verderben. Unbeeindruckt von all dem turteln zwei Täubchen zu Füßen der Gerechtigkeit und über der Szenerie befinden sich weder König Karl XII. von Schweden oder der längst verblichene Ludwig XIII., denen Grotius das Buch wortreich gewidmet hat, sondern entschlosse-ne himmlische Wesen verkünden Autor und Titel des Buches. Die Trennung zwischen Staat und Himmelsreich scheint fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung des einflussreichen Rechtswerkes noch nicht gänzlich vollzogen zu sein. Die Herkunft des Künstlers Abraham Drentwett könnte hierfür verantwortlich sein, denn er entstam-mte einer Augsburger Dynastie von Gold- und Silberschmieden. Siegreich trium-phiert noch heute der Erzengel Michael auf dem Portal des Zeughauses, ein weiterer besiegt im Stundentakt im Perlachturm gekleidet mit güldenem Gewand den roten Teufel und im Erker eines Gebäudes der Fuggerei wird das Böse mit Schwert und einem Lächeln im zarten Gesicht des Engels niedergestreckt. Es wird sogar gemun-kelt, dass die unerschrockensten, furchtlosesten und vielleicht auch die gerechtesten Engel aus Augsburg kommen.    (nn.seuss)

Literatur:
Lübbecke, Fried, Fünfhundert Jahre Buch und Druck in Frankfurt am Main, Frankfurt a.M., 1948

Paucker, J.A., Das estländische Landraths-Collegium und Oberlandesgericht, Reval, 1855

Pözl, J./ Windscheid, D. (Hrsg.), Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, 13.Bd., München, 1871

Stintzing, R./Landsberg, E., Geschichte der Deutschen Rechtswissenschaft, München/Leipzig, 1898
Stolleis, Michael, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, München, 1988
Wittmann, Reinhard, Geschichte des deutschen Buchhandels, München, 1991

 

GROTIUS, Hugo. Drey Bücher von Kriegs- und Friedens-Rechten, in welchen das Recht der Natur, und das allgemeine Völcker-Recht.... erkläret werden. Nebst einem vollkommenen Register über das gantze Werk... Frankfurt, Bauer für Fischer, 1709. Folio. Gestochenes Porträt, gestochener Titel, 16 nn. Bl., 30, 172, 668, 304 S., 41 nn. Bl., mit Stammtafel und 28 meist doppelblattgroßen Tabellen. Pergament der Zeit mit Rückentitel, (gering fleckig). verkauft

Zweite deutsche Ausgabe. - Ter Meulen et Diermanse 663; vgl. Bibl.-biogr. Kirchenlex. 17, 507. - Völlig neue Übersetzung von J.N.Serlin des wichtigsten Werkes des bekannten politischen Philosophen Hugo Grotius (1583-1645), der damit als der "Vater des modernen Völkerrechts" gilt. - Epochemachendes Werk, das "Der erste Versuch (war), außerhalb der Kirche und der Heiligen Schrift einen Rechtsgrundsatz aufzustellen und eine Rechtsgrundlage für Gesellschaft und Regierung zu schaffen." (Bücher die die Welt verändern, 26). - "Von diesem Buche geht aus eine neue Richtung der Rechtswissenschaft: das Naturrecht verläßt die abstrakten Regionen; es wird juristisch, erzeugt ein Völkerrecht, durchdringt das positive Recht und erobert die Herrschaft über die ganze Rechtsauffassung." (Stintzing/L. III, 1, 1) - Mit dem gestochenen Porträt von Grotius und dem schönen Kupfertitel von Corvinus nach Drentwett. - Gering fleckig, wenige Seiten an der unteren Ecke etwas gequetscht. Schönes Exemplar.

GROTIUS, Hugo. De Iure Belli ac Pacis libri tres. In quibus jus naturae & Gentium: item juris publici praecipua explicantur. Cum annotatis Auctoris, ex postrema ejus ante obitum crura. Accesserunt ejusdem Dissertation de Mari Libero... Editio novissima. O.O. und Drucker, 1719. 4°. 4 nn. Bl., 648 S., 2 nn. Bl., 267, 44 S. Pergament der Zeit mit mit Rückenschildern und leichter Rückenvergoldung, (etwas fleckig und beschabt). verkauft

Wohl in Italien gedruckte Ausgabe von Hugo Grotius berühmten Werk zum Völkerrecht. Vermutlich ohne Angabe des Druckers erschienen, da Drucke von Grotius in der Zeit in Italien verboten waren. - Teils stark gebräunt, etwas stock- und wasserfleckig. Titel mit entfernten Besitzeinträgen, dadurch Papierschäden. Band 1 mit neuem Vorsatzpapier.