BAUEN UND TECHNIK AM FREITAG

 

Es ist doch ein allzu schönes Gedankenspiel, zu dem uns Leonhard Christoph Sturm (1669-1719) - der bedeutendste Architekturtheoretiker seiner Zeit - mit seinen detaillierten Anweisungen verführt. Stellen Sie sich vor, Sie wären die Frau eines reichen Brauers und Getreidehändlers in einer volckreichen Statt im Jahre 1761. In diesem Falle könnte es sein, dass Sie in einem Haus wohnen, in dem Sie vielseitige Möglichkeiten zum Hantieren hätten. Sie würden verfügen über "einen Thor-Weg, eine grosse Trinck-Stube, eine kleine Trinck-Stube, oder, wo der Hauß-Herr sich vornehm aufführet, eine Visiten-Stube, ein Einheitz-Gewölbigen, eine ordentliche Wohn-Stube, einen Alcoven, zwei Kammern, die Stube vor den Hauß-Herrn, eine kleine Deele, einen Stall für Pferde, den Thorweg nach dem Brauhauß, einen Kuhstall, Hünerställ, Maltz-Tennen, Maltzdörre, ein gewölbtes Brau-Hauß, zwey Geschoß von den fünffen hoch, einen Kühl-Trog, Maisch-Fässer, einen Hopffenkessel, einen Brau-Kessel, eine Wasser-Pumpe, einen Schweinhof, Schweine-Ställe, noch eine Pumpe, einen Abzug der Wasser (gehet durchaus auf die Gasse), eine Brandtewein-Brennerey, Holtz-Gewölbe, zwey Geschoß hoch von den fünffen..." Dies wäre das unterste Geschoss, während die anderen mit Mietwohnungen ausgebaut sind. Einzig zu bemängeln ist, dass es kein Studierzimmerchen für die Hausdame gibt. Auf dem Grundrissplan sind alle Räume außerordentlich übersichtlich aufgeführt, weitere Kupferstiche zeigen die unterschiedlichen Fassaden der Wohnhäuser, aber auch Prachtgebäude auf dem Lande sowie Säulen der unterschiedlichen sechs Ordnungen, präzise dargestellt in der von L.C. Sturm herausgegebenen Vollständige Anweisung, alle Arten von regularen Pracht-Gebäuden nach gewissen Reguln zu erfinden, auszutheilen und auszuzieren.


Nicht ganz unwahrscheinlich wäre es, dass der wohlhabende Brauer neben seinen Pferden, Kühen und Hühnern auch eine Perpendikeluhr (womöglich mit einem Stundenschlagwerk) im Hause stehen oder zumindest eine mittlere Taschenuhr hat, damit der Inhalt des Hopfenkessels pünktlich umgerühret wird. Zum Verständnis dieser technischer Wunderwerke empfehle man ihm die Ausführliche Abhandlung von den Uhren überhaupt von Jakob Alexander, justament 1763 in deutscher Übersetzung und mit vielen Kupfern erschienen. Von besonders reizvoller Wirkung ist die handkolorierte Neue Tafel vor alle Liebhabers und See-fahrende Personen, die über dem Schreibtisch des Hausherren eine gute Figur machen könnte. Nach stundenlangen nächtlichen Privatstudien wären das helle Türkis und das pointierte Rot eine erholsame Abwechslung für seine Augen. Das Gelb könnte seinen Blick auf die Galionsfigur lenken, träumend hätte er sich auf dem ranghöchsten Admiral-General Posten gesehen - Hackebord mit Wind im Backenbart. Doch zu der dekorativen Kraft des Kupferstiches gesellt sich die Genauigkeit technischer Informationen, derer ein seriöser Liebhaber benötigt.

Für die Notizen aus Frankfurt eilten wir mit Fotoapparat und Notizblock zu Autoteile-Schuwerack. Was wir dort gefunden haben, lesen Sie am Ende unseres Angebotes.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Klopf & Kauf In der Braubachstraße 7, gegenüber dem Museum für Moderne Kunst, befindet sich Autoteile-Schuwerack. Bereits das Schaufenster lässt ahnen, dass der Laden ein riesiges für den Kunden unübersichtliches Sortiment birgt. Das Geschäft ist seit 1945 hier zu finden und wurde von Wilhelm Schuwerack geführt, bevor seine Tochter Vera, die bei ihrem Vater eine Lehre gemacht und schließlich den Laden übernommen hat. Frau Schuwerack wird aufgrund ihrer Fachkenntnisse sehr geschätzt und auch aus eigener Erfahrung möchten wir das Geschäft auf diese Weise empfehlen. Der Laden hat weiterhin geöffnet, um geläufige Artikel wie Türgriffmuscheln, Motorenöl, Kleeblatt-Felgenschlösser, Lenkhilfen aber auch erforderliche Dinge wie einen Schutzschlauch Marder Stop & Go oder Anti-Marder Stäbchen, eine Scheinwerferbirne für einen alten Mini, das Starktonhorn, das Elektro Fanfaren-Set im Zweiklang sowie einen Kugelschreiberhalter anzubieten. Um im Auto einen gewissen Komfort zu gewährleisten, empfiehlt sich das Holiday-Traveller-Garderobe-System, der Lenkradschoner hergestellt in einem samtigen Textil und der Kinder-Beobachtungsspiegel. Ihre Kunden empfängt Frau Schuwerack zum derzeitig coronabedingten Klopf & Kauf an der Ladentür. Auf dem Foto sieht man sie etwas mürrisch, musste sie doch gerade eine lästige Anfrage zum Geldwechseln für die Parkuhr abweisen. Bei dem Foto im detailfreudigen Innenraum des Ladens handelt es sich um ein Archivfoto, das wir dankenswerter Weise von Dagmar Priebke, Kennerin der jungen Frankfurter Geschichte in der Braubachstraße und Umgebung, erhalten haben. 

DAS 16.JAHRHUNDERT AM FREITAG


Unser hier dargebotenes 16.Jahrhundert beginnt mit einem Aufeinandertreffen reizender italienischer Frauengestalten und des unbesiegbaren römisch-deutschen Ritters Theuerdank. Dieser in breiten schwarzen Holzschnittlinien dargestellet, jene in zarten Linien und Farben nach Raffaels kapriziösen Geschöpfen präsentieret. Die Unterschiede der Darstellungsmanier sind enorm und doch – man glaubt es kaum – im gleichen Jahrzehnt entstanden bzw. begonnen worden. Die erste Ausgabe des Theuerdank wurde 1517 gedruckt und diente der Mythenbildung des Lebens Kaiser Maximilians I. Unbesiegbar wollte er der Nachwelt in Erinnerung bleiben und veranlasste die Veröffentlichung, die sogleich nach seinem Tod 1519 in 340 Exemplaren verteilt wurde. Unsere hier angebotene Ausgabe ist nach 1679 erschienen. 123 Textholzschnitte, darunter auch die 6 zusätzlichen Holzschnitte, geschnitten von Leonhard Beck, Hans Schäufelein, Hans Burkmair u.a. begleiten die Abenteuer und Prüfungen des Ritters auf seinem Weg zu seiner zukünftigen Braut, dem holden Fräulein Ehrnreich, die hier dem tapferen Helden gegenübertritt.

Gleich zu Beginn der Angebotsliste flattern dem Betrachter leuchtend kolorierte Vögelchen entgegen, schnörkeln sich Blätter und Leuchter in unvergleichlicher Ornamentvielfalt, strecken sich zarte Frauengestalten in Richtung Himmel. Sie sind hier als Kupferstiche in über einem Meter Höhe gedruckt sowie aufwendig per Hand koloriert verfügbar und bilden die Ausmalungen der Loggien des Papstpalastes nach, die Raffael 1513 begann. Weitere ästhetische Zeugnisse des italienischen Cinquecento zeigen sich in der in Venedig gedruckten Ausgabe Il Decameron von Giovanni Boccaccio. Die Vielfalt der Ornamente setzt sich hier fort. Wir sehen ausgewogen komponierte Marginalien, Kolumnentitel und aufwendig geformte Textblöcke in Antiquaschriften gesetzt im Spiel mit verzierten Initialen und raffinierten Kopfstegen. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass die Seiten dieses Buches einen Genuss für das Formgefühl darstellen. In der ersten verteütschet Ausgabe der Officia von Cicero aus dem Jahre 1531 gibt es ähnliche Textgebilde, allerdings hat das Buch aufgrund der gotischen Schrifttype und der Holzschnitte ein spürbar anderes ästhetisches Temperament, das ebenso über zahlreiche Reize verfügt und zudem sehr selten auf dem antiquarischen Buchmarkt anzutreffen ist.

Die berühmte Officina Plantiniana aus Antwerpen ist in unserer Auswahl mit dem Titel Syntagma Tragoediae Latinae in einem blindgeprägten Schweinsledereinband der Zeit vertreten und gibt uns die Möglichkeit auf das großartige Plantin-Moretus-Museum hinzuweisen, das teilweise noch aus den Gebäuden der Renaissance besteht, als auch über erstaunlich umfangreiches Werkstattinventar mit den ältesten Druckpressen und eine Bibliothek mit der beinahe gesamten Buchproduktion des Hauses verfügt. Hier ist der erste moderne Atlas Theatrum orbis terrarum von Ortelius gedruckt worden, aus dem auch der unten folgende Kartensatz mit den damals bekannten Kontinenten und der Weltkarte stammt. Eine Gesamtansicht von der im 16.Jahrhundert reichsten Handelsstadt Anverpia haben natürlich Georg Braun und Frans Hogenberg für ihr Ansichtenwerk Civitates Orbis Terrarum anfertigen lassen, die hier sorgsam und von alter Hand koloriert zu sehen ist. Mit dem aus dieser Ansicht elegant hervortretenden Edelmann, flankiert von drei die damalige Mode präsentierenden Damen, schließen wir die heutigen Ausführungen, jedoch nicht ohne an unseren hiesigen Drucker und Verleger Christian Egenolff in den Notizen aus Frankfurt zu erinnern.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Denkmal & Straßenschild Auf den Spuren des Druckers und Verlegers Christian Egenolff, der hier in Frankfurt am Main tätig war und im Jahre 1555 gestorben ist, konnten wir eine Straße, die nach ihm benannt wurde, entdecken sowie ein Porträt, das hoch oben mit 13 anderen Verlegerköpfen aus dem Gutenberg-Denkmal schaut. Das Denkmal ist 1858 auf dem Roßmarkt eingeweiht worden und behauptet sich dank seiner kantig sperrigen Form sowie der massigen mit Tüchern bedeckten weiblichen Allegorien standhaft gegenüber den hohen Bankentürmen. Der Stahlstich, ein Einblattdruck, zeigt die Einweihung des Denkmals und befindet sich im Angebot des Tresor am Römer. Egenolff hat beachtliche Werke verlegt wie die sogenannte Egenolffsche Bibel in der Übersetzung von Luther mit den Illustrationen von Hans Sebald Beham oder dem Teutschen Kräuterbuch von Adam Lonicer, ein Standardwerk der damaligen Zeit. Ebenso hat er die Neubearbeitung des Theuerdank beauftragt und schließlich mit den Originalholzstöcken der Holzschnitte drucken lassen. Die Offizin, die sich an der Ecke Großer Kornmarkt/Sandgasse befand, wurde bedauerlicherweise 1907 abgerissen.

FREITAGSSPAZIERGANG


Heute leitet das Häschen Fridolin unseren vergnüglichen Frühlingsspaziergang ein „Und so zieht er froh und heiter / Wie ihm Lust und Laune lenkt / Seine Hasenstraße weiter“, um sich - nachdem er seine Ostereier verteilt hat - zufrieden in die grüne Wiese fallen zu lassen. Weitere Ostereier finden wir in dem Bilder-ABC, in dem kolorierte rote Wangen, der blumenbekränzte Frühlingshut, das himmelblaue Kleid sowie rosane Eier aus dem gelben Korb um die Wette leuchten. Im Jahre 1925 tanzten in der Kinderheimat. Ein Lesebüchlein für kleine Leute die Hasen sogar auf den vermutlich hartgekochten Ostereiern und Das fidele Wichtel-ABC hat Frau und Herrn Hase fürsorglich mit Regenschirmen ausgestattet.

 

 

Ebenso können wir durch das lithographierte Reichenbachtal von Fritz Wucherer promenieren als auch auf dem Römerbrückchen bei Eschborn verweilen, unter Bäumen von Jakob Maurer mit Blick auf den Kronberg sitzen oder in einer in Grau und Blau aquarellierten Landschaft am Falkenstein herumstromern. Besonderen Reiz hat die Promenade vor dem Gallustor in Frankfurt, die durch den Park führt. Mitnehmen sollte man bei dieser Gelegenheit unbedingt den Osterspaziergang von Johann Wolfgang von Goethe. Wenn ein Pudel auftaucht, könnte man ihn anlocken und streicheln, aber – so unsere dringende Warnung - nur wenn er nicht schwarz ist, und einen Feuerstrudel sollte er möglichst auch nicht hinter sich herziehen. In diesem Falle wäre es nicht unwahrscheinlich, dass der Spaziergang ungewollt mit einer Mephistopheles'schen Erscheinung endet.

Weniger gefährlich sind die Frühlingseindrücke von Friedrich Schiller und Friedrich Matthisson, die hier in Leder gebunden oder mit Stichen in der Titelei verziert ihre Leser anlocken. Das blaue Frühlingsband lässt Eduard Möricke um uns herum flattern und einen Frühlingsschimmer schickt Joseph von Eichendorff in einer illustrierten Ausgabe mit Originalfarbholzschnitten. Besondere Aufmerksamkeit verdient Heinrich Vogeler, der mit 10 zarten Originalradierungen den Frühling in einer Mappe von nur 100 Exemplaren auf Büttenpapier begrüßt. Unsere Lieblingsradierung zeigt einen verweilenden Flaneur mit Spazierstock und Hut, der einen Vogel im Flug beobachtet und der das menschliche Glück in der Frühlingszeit sichtbar birgt.

 

Das letzte Buch passt thematisch nicht in unseren Freitagsspaziergang und ist auf Wunsch eines einzelnen Tieres beigefügt worden. Was es hiermit auf sich hat, lesen Sie in den Notizen aus der Umgebung von Frankfurt am Ende unserer Angebotsliste.

NOTIZEN AUS DEM UMLAND VON FRANKFURT

Weißes Schaf & Blaustern Auf einer Wanderung über den Unteren Vogelsberg und entlang an der Nidda begegneten wir am letzten Wochenende einer Schafherde. Ein munteres, weißes Jungtier näherte sich uns und wir kamen ins Gespräch. Es dauerte nicht lang und es nannte uns seine Lieblingslektüre: Reineke Fuchs von Johann Wolfgang von Goethe. Nun wissen wir aber, dass es mit dem Widder Bellyn in diesem Epos viel zu früh - Bellyn befand sich im besten Widderalter, so jedenfalls hat Wilhelm von Kaulbach ihn illustriert - zu Ende geht. Reineke Fuchs hat ihm übel mitgespielt, so dass der Wolf Isegrim ... Und doch sei unsere neue Schafbekanntschaft von der Fabel aufs beste belehrt worden - unterhaltsam sei sie sogar, die Fabel, beharrte das Schaf uns und den anderen eher ängstlich blickenden Wollknäulen gegenüber. Auch Das Mondschaf von Christian Morgenstern gefalle ihm sehr, vor allem die lateinische Version, für die der Autor ein eigenes lateinisches Wort erfunden habe: Lunovis - Mondschaf. Zwei glitzernde Äuglein blickten sodenn nach oben in das Vogelsberger Himmelsblau und unser Schäflein deklamierte euphorisch "Se culmen rer' ess' omnium. - Ich bin des Weltalls dunkler Raum.". Anschließend lächelte es sichtlich bewegt. Für das Foto, siehe oben, hat sich das hübsche Tierchen sofort bereiterklärt, jedoch mussten wir versprechen, den Reineke Fuchs mit in die Angebotsliste aufzunehmen. Ebenso in unserem Angebot befindet sich ein altkolorierter Kupferstich mit dem zierlichen Blaustern, der auch auf dem unteren Foto zu sehen ist und ebenso am letzten Wochenende gesichtet wurde.

STADT LAND FLUSS AM FREITAG


Ein imaginäres Sonnenschirmchen reicht am heutigen Freitag aus, um einen Stadt Land Fluss-Ausflug durch das reiche Angebot des Tresor am Römer zu machen. Zu Beginn sollten wir die schönen, neptunischen Beine des Vater Rhein bewundern und möglichst reisefreudig mit F.W.Delkeskamp das ausgefaltete Panorama des Rheins Mainz bis Coeln ganze 255 cm an feinst gestochenen Häusern und Burgen entlang schippern. Pater Rhenus, leicht bedeckt mit einer Wasserpflanze, empfiehlt nicht nur den im Jahre 1744 erschienenen Reiseführer Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius, Welcher die wichtigsten und angenehmsten geograph- histor- und politischen Merkwürdigkeiten des ganzen Rheinstroms... darstellet, sondern auch die seltene Rheinlaufkarte vom Beginn des 18.Jahrhunderts, auf der sich der altkolorierte Flussgott zudem in einer dekorativen Kartusche präsentieret. Unser Weg über Hamburg wird von zwei Landvermessern begleitet. Bedeckt mit zwei Schlapphüten flankieren sie den Verlauf der Elbe und die altkolorierte Gesamtansicht von Hamburg aus dem Jahre 1642. In einem regennassen, fruchtbaren sowie lebensbejahenden Grün werden wir uns auf der Panoramic Map of the Thames and Medway tummeln, zwischendurch London durchqueren und schließlich von der Nordsee aus nach Afrika und in Richtung Nil weiterziehen. In Kairo könnten wir, so empfiehlt es Anton Graf Prokesch-Osten in seinem Führer Nilfahrt bis zu den zweiten Katarakten, in einem Gasthof ersten Ranges absteigen, nämlich in Shepheard's Hotel, das tatsächlich von einem Deutschen geführt wird, jedenfalls im Jahre 1874. Zu jener Zeit lebten in dieser Stadt sage und schreibe 50.000 Europäer. Nachdem die Khalifen-Gräber im Osten, die Mameluken-Gräber im Süden und der Versteinerte Wald besichtigt wurden, könnte ein Besuch im Zirkus von Kairo für Zerstreuung sorgen. Einer Krokodilsjagd möchten wir abraten, da die scheuen Tiere bereits in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts selten geworden sind. Außerdem tarnen sich die wenigen Überlebenden als Baumstämme und sind somit fast nicht sichtbar. In Theben, so rät Graf Prokesch-Osten fürsorglich an, sollte auf allen Ausflügen ein mit Erfrischungen und kalter Küche beladener Esel folgen - unerlässlich vor allem bei mehrtägigen Touren!


Wieder in Europa angelangt - möglichst mit Proviant-Esel - und während wir uns durch die großformatigen Alpenlandschaften von 1891 blättern, die Vogesen hoch und runter wandern oder in dem Eisenbahnwaggon des Panorama der Main-Neckar und Badischen Eisenbahn auf dem Weg nach Frankfurt am Main sitzen, empfiehle sich, das schmackhafte Truthuhn aus Ägypten zu verzehren. Schließlich führen uns Meriansche Faltansichten über kräftig gedruckte schwarze Linien der zahlreichen Kupferstiche durch Franken, Thüringen, Sachsen, nicht ohne in Frankfurt am Main Halt gemacht zu haben, einst Heimatort des Verlegers und Kupferstechers Matthäus Merian, dessen Städteansichten unser Bild des Heiligen Römischen Reiches im 17.Jahrhundert geprägt haben. Sein großformatiger und somit außerordentlich detaillierter Stadtplan von Frankfurt am Main lädt zum Verweilen ein und beim Verlassen der Stadt am Fluss sollte der atemberaubende Panoramablick vom Sachsenhäuser Berg  wahrgenommen werden. In Berlin beenden wir unsere Reise zusammen mit Sabine und Peter, vier Verse des Kinderbuches Wir suchen Deutschland von 1948 deklamierend und hoffend, dass unser Ausflug Beifall finden wird. Das Brandenburger Tor, noch ist's zu finden, / die U-Bahn dort, und dort die Linden. / Ein Brausen, Hupen Tag und Nacht! / So hab' ich mir Berlin gedacht.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Stadt Land Fluss im Historischen Museum  Noch ist das Historische Museum, das sich unweit des Tresor am Römer in Richtung Main am Römerberg befindet, nicht geöffnet, die Vorbereitungen jedoch laufen - wie man sieht - auf Hochtouren. Ab Samstag, dem 13.März 2021 darf das Museum also wieder seine Türen öffnen, und wir können neben dem Heller-Altar von Albrecht Dürer und Matthias Grünewald, dem weltweit ältesten Erdglobus mit America-Bezeichnung, den ausgestellten Stadtplänen, Landkarten und Stadtansichten auch das Altstadt-Modell der Brüder Treuner sowie das Exemplar des Erstdrucks des berühmten Frankfurt-Plans von Matthäus Merian - der Tresor am Römer bietet diesen Stadtplan in der letzten Originalausgabe an - und die mehrfach überarbeiteten Kupferplatten betrachten. Der stellvertretende Direktor des Museums, Dr. Wolfgang Cilleßen, äußert sich uns gegenüber mit Erleichterung: "Endlich wieder der Zauber der Originale ...". Nach diesen erfreulichen Nachrichten möchten wir noch einen Herren präsentieren, der gegenüber den Eingangstüren an einem sonnigen Plätzchen steht. Die Vermutung, dass es sich bei ihm zumindest um Herkules handelt, wird ermutigt, wenn man die kräftige und hier extra für unsere Kunden betonte Kniepartie betrachtet. Die neckischen Schleifen jedenfalls könnten auch Vater Rhein gefallen.

SEHNSÜCHTIG ERWARTET! BRIEFE AM FREITAG

 


Es ist doch ein großes Glück für uns alle, dass das Telefon erst Anfang des 20.Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Kommunikation übernommen hat. So sehen wir uns heute in der Lage, eine Vielzahl von Briefausgaben und Autographen anzubieten, die in vorherigen Zeiten skribiert worden sind. Die ältesten Briefe in unserem Angebot sind jene von Cicero, von C.M.Wieland übersetzt und mit zahlreichen Erläuterungen versehen. Petrarca musste seine Briefe lange suchen, hat sie schließlich “begierig gelesen” und konnte so seinen “Lehrer” auch als Mensch erkennen. Selbst wir, die hessischen Lateinschüler, die wir tagein, tagaus versucht haben, die uns unendlich lang erscheinenden Sätze von Cicero zu übersetzen, wissen inzwischen seine sprachliche Eleganz zu schätzen. Zudem sind sie von historischem Interesse, ebenso wie die Autographen von Heerführern des 30jährigen Krieges wie Albrecht von Wallenstein, die sich mitunter mit großzügigem barocken Schwung dem Empfänger empfehlen. Die Handschrift des Prinzen von Condé hingegen könnte man als Klaue bezeichnen und veranlasst zur Vermutung, dass der Brief kurz vor, nach oder vielleicht sogar während einer Schlacht auf einem Pferd geschrieben wurde. Emanuel Geibel, auch bekannt als Dichter J.J.Hoffstede in den Buddenbrooks, setzt seine Buchstaben ordentlich in gleichen Abständen, die Majuskeln jedoch mit einer Verve, die das Lübsche Temperament durchschimmern lässt. Tatsächlich überrascht sind wir beim Betrachten der Weihnachtskarte von George Grosz. Fast bieder erscheint das Motiv des Tannenzweiges. Doch schlägt man die Klappkarte auf, fliegt dem Auge umgehend das “O” vom handschriftlichen “Old George” entgegen: ein Gesicht mit zauseligem Greisenbart, das in diesem Zusammenhang von Grosz’ Leben in seiner neuen Heimat Amerika erzählen kann. Folgen wir kurz nach dem Sonntag des Heiligen Valentinus den Briefen von Johann W. von Goethe an Charlotte von Stein in einer passenden roten Lederausgabe mit zarter aber reicher Goldornamentik auf dem Rücken. Hier lesen wir kurze, stürmisch niedergeschriebene und gefühlsreiche Liebesbriefe, immerhin sechs Stück in sieben Tagen im Jahre 1776 … “Alles wies war nur ich bin anders” … Und recht lebhaft sowohl als frech verteilt Christian Fürchtegott Gellert an eine nicht namentlich genannte Madam "etliche Dutzend Mäulchen [...] denn das kann Ihr Mann nicht sehen [...] Noch eins Madam, wo soll ich schlafen? Nur in keiner Kammer, wo Mäuse sind. Ich will lieber etliche kleine Bären und ein Rhinoceros um mich haben, als diese geschwindfüßigen Unholde. [...]" Welche Tiere Herr Gellert tatsächlich bei diesem Aufenthalt getroffen hat, lesen Sie in der Vorzugsausgabe auf Zanders-Hadern-Bütten.


In den Notizen aus Frankfurt stellen wir heute einen italienischen Herren mit seinem narzissengelben Handwagen vor, der bereits hoffnungsfroh in Richtung Frühling leuchtet.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Briefträger & Kalabrien Briefe und Kalabrien sind für uns untrennbar geworden, denn unser Briefträger hier in der Braubachstraße kommt aus dieser süditalienischen Region und heisst Nicola Pontoviero. Er ist zwar bereits vor 41 Jahren nach Deutschland gekommen, aber sein frisch gebliebener italienischer Akzent erfreut uns hier im europäischen Norden fast täglich. Kurz, Signore Pontoviero ist unser Lieblingsbriefträger. Unsere neugierige Frage nach der Valentinstagspost - meistens erkennt man sie am farbigen Umschlag, auf dem liebevoll mit blauer Tinte die inbrünstig verschlungenen Buchstaben des Namens der Angebeteten oder des Geliebten geschrieben stehen - beantwortet er aber mit einem traurigen Schulterzucken. Als passionierter und erfahrener Postbote muss er konstatieren, dass die Valentinstagspost Jahr für Jahr abnimmt. Da derzeitig im Tresor am Römer ein Roman passend zum Freitagsthema gelesen wird, können wir berichten, dass wiederum ein kalabrischer Briefträger aus dem Roman Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall in den Postverkehr selbst eingreift und Liebesbriefe mitunter unter gefälschtem Namen und an falsche Empfänger austrägt... Was Signore Pontoviero zu diesem seinen Kollegen in seiner Heimat sagt, werden wir vermutlich morgen erfahren und freuen uns bereits auf eine eindrucksvolle italienische Geste.

DER ENGLISCHE FREITAG


Engländer!
Dieser unser Ausruf, der Respekt, Erstaunen, Erheiterung und Applaus in sich birgt, leitet den heutigen Freitag mit einem vielfältigen Angebot ein. Starten wir mit Sports: 1898 erschien ein heute seltenes Buch über das traditionelle Golfspiel, in dem mit Hilfe von zahlreichen Illustrationen der optimale Ballabschlag gelehrt wird. Man beachte zur Rechten auch die Golfkleidung der Dame, die aus einer Kombination von bodenlangem Rock, einem kurzen sportlichen und gut befestigten Umhang, einer neckischen Fliege und einem gekonnt plazierten Hütchen mit wippenden Vogelfedern besteht und schlussfolgern lässt, dass diese Sportart mit einer gewissen Eleganz ausgeführt werden kann. Das Buch Juvenile Sports for Boys and Girls erschien zwar circa 50 Jahre zuvor in Philadelphia, doch der britische Einfluss ist unverkennbar. Texte und 24 Kupfertafeln zeigen uns, wie Trap-Ball, Blindman's Buff oder Peg-Top gespielt wird und beschreiben das Leaping, Swinging, Flying a Kite, Skipping, Foot-Ball oder das See-Saw. Nicht wippend aber vielleicht in einer Kutsche sportlich schaukelnd können Städte, Landschaften und Eigenarten der Engländer entdeckt werden. Travelling: Carl Gustav Carus begleitete den sächsischen König Friedrich August als Leibarzt auf dessen Reise durch Großbritannien und verfasste einen Bericht in Tagebuchform, der hier in der englischen ersten Ausgabe vorliegt. The King of Saxony's Journey through England and Scotland in the Year 1844 erschien 1846, nur zwei Jahre nach der Reise. Eine ausführliche Beschreibung in vier Bänden Neueste Reisen durch England, vorzüglich in Absicht auf die Kunstsammlungen, Naturgeschichte, Oekonomie, Manufakturen und Landsitze der Großen hat der bereits durch seinen Italienführer bekannte Johann Jacob Volkmann veröffentlicht. So konnten sich 1781/82 Reiselustige auch über das Essen in dem fremden Land informieren, nämlich: „die englische Küche wird den Reisenden anfangs sehr befremden. Sie essen viel Fleisch und wenig Gemüse und durchgänig nur gar in Wasser gekocht... In manchen Privathäusern, wo man logiert, kann man sich auch den Mittagstisch ausbedingen, allein das Essen ist nicht sonderlich und man bekommt oft die Überreste des vorigen Tages ...“ Pasteten hingegen gab es in Versailles, dies und mehr, empfindsam und höchst vergnüglich von Laurence Sterne erzählt, können wir in seinem unvollendeten Roman nachlesen.

Literature: In Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien erfahren wir wenig über die Geschichte des bereisten Landes, jedoch begegnen wir in einer Buchhandlung einem jungen Mädchen mit einem grünen Seidentäschchen, wir lernen die Gefühle eines wallfahrenden Deutschen kennen, der über den Tod seines geliebten Esels weint, wir werden Zeugen einer zarten Berührung zwischen Yorick und einer französischen Buchhändlerin und nehmen in dieser ersten deutschen und überarbeiteten Übersetzung teil an der Entstehung der literarischen Empfindsamkeit. Weiterhin befindet sich eine splendid und schön gestaltete und von Arthur Rackham illustrierte Ausgabe Ein Sommernachtstraum von Shakespeare und auch Gullivers Reise von Jonathan Swift mit einer signierten Originalradierung und 25 teils ganzseitigen Originallithographien von Lovis Corinth im Angebot; sodenn folgen in Erstausgaben To the Lighthouse von Virginia Woolf, Tales of Space and Time von H.G. Wells, Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde von Robert Louis Stevenson.

 

In den Notizen aus Frankfurt fliegt kein Golfball aber eine englische Kopfbedeckung durch die Luft und erinnert uns an die Stürme des Lebens, die mithilfe des Programms der diesjährigen Antiquariatsmesse zumindest etwas gemildert werden können.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Bowler & English Theatre Als wäre es ein Zufall, fliegt justament ein Bowler am English Theatre vorbei, während wir das Foto machen. Einerseits unterstreicht der entflohene Hut die windige Tristesse, andererseits könnte die Situation den Zuschauer erheitern. Und wer ist der Besitzer der Kopfbedeckung? Ein englischer Gentleman aus dem umliegenden Bankenviertel oder doch ein traditionsbewusster englischer Schauspieler des Theaters? Vielleicht ist es sogar Dr. Jacob Bronowski, die Hauptfigur aus Secret Life of Humans, dem wartenden Theaterstück, das hoffentlich bald aufgeführt werden kann. Wir wissen natürlich, wer der Hutbesitzer ist, werden aber nur verraten, dass seine Beinbekleidung kariert war.

Die Antiquariatsmesse Stuttgart wird dieses Jahr am 29.1. in einem digitalen Format stattfinden. Sie wird flankiert von einem bereits erschienenen Katalog, von Gesprächen, Interviews und den Angeboten der Aussteller, die zu Messebeginn einsehbar sein werden. Informationen finden Sie unter folgendem Link: Antiquariatsmesse Stuttgart

DER BUNTE FREITAG


Der heutige bunte Freitag ist nicht nur besonders farbig, sondern präsentiert sich auch thematisch in einem gewagten Durcheinander. So begegnen wir einem aufgeregten Gelb für die Einband- und Schubergestaltung der Klage um Ignacio Sánchez Mejias von Federico Garcia Lorca mit großflächigen Farblinolschnitten von Francisco Borès. Der Pappband des neu illustrierten Struwwelpeter von Hans Witte hingegen zieht die Aufmerksamkeit mit Hilfe eines frischen und frechen Gelbes auf sich. Die Ansicht von Dresden als Umrissradierung ist um 1830 von zarter Hand mit lichten aber intensiven Wasserfarben koloriert worden. Auf der Terrasse des Japanischen Palais dominiert eine abwechslungsreiche Grünpalette unter hellem blauen Himmel, heiter unterbrochen von dem roten Sonnenschirm einer Dame. Das Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften von F.J. Bertuch enthält die unfassbare Anzahl von 1186 altkolorierten Kupfertafeln in 12 Bänden. Die Kolorierungen sind von hoher Qualität und verraten den Anspruch des Herausgebers und des Verlages dieses Werkes, das innerhalb von 40 Jahren entstanden ist und hier komplett vorliegt. Unerwartet und aufregend wirkt der rote Maroquineinband, der von Henry van de Velde 1929 in abstrakten Formen gestaltet wurde. Die weiche und warm anmutende Oberfläche des Leders sowie die gelben, hellroten und blauen Intarsien, die in die große rote Fläche eingefügt wurden, betonen Rilkes farbliche Beschreibungen in Die Weise von Liebe und Tod des Cornets. „ … Flüche, Farben, Lachen –: davon blendet das Land. Kommen bunte Buben gelaufen. Raufen und Rufen. Kommen Dirnen mit purpurnen Hüten und flutendem Haar. Winken. ...“ Hellgrüne Farben und die leuchtend gelbe mit roten Linien umrandete Kartusche dominieren den wohl ältesten erhaltenen Stadtplan von London, der um 1580 von Braun und Hogenberg angefertigt wurde und hier in tatsächlich ganzflächiger Kolorierung angeboten wird. Quietschig tönen die Farbkombinationen der Holiday Jinks, unzerreissbar die Seiten und in englischen Versen verfasst. Von plakativer Kraft behaupten sich die Seiten des poppigen Bilderbuches Children's Book von Andy Warhol, dessen „Roli Zoli“ diesen einleitenden Text begleitet. Von intensiver Luminanz sind die feinen handkolorierten Holzstiche in Moeurs, usages et costumes de tous les peuples du monde von August Wahlen, die trotz ihres Alters von 176 Jahren die Blicke der Betrachter verführen. Und natürlich flattern durch das Angebot zierliche Schmetterlinge jeglicher Art und in jeglichen Farbtönen, changierend, lebhaft, fröhlich, auffallend oder getarnt. Und die Grünfarben der hier angebotenen botanischen Werke verbinden sich mit unseren Notizen aus Frankfurt, in denen einer geglückten Wiederauferstehung gehuldigt wird.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Wiedergeburt & Neuerscheinung Die Ankunft von Bertl, dem Weihnachtsbaum, vor dem Rathaus auf dem Römerberg gestaltete sich unglücklich. Zahlreiche Fotografen der hiesigen Presse stürzten sich mit ihren Fotobjektiven auf die verkrüppelte Fichte, denn eine klaffende Lücke im buschigen Grün des Baumes aus Österreich wurde nach dem Aufstellen sichtbar. Sollte Bertl doch als „ein Symbol der Hoffnung gegen das Virus“ (Oberbürgermeister Peter Feldmann) bejubelt werden, so musste er nun Hohn und Spott über sich ergehen lassen, ja, er wurde sogar als hässlich und als Gerippe bezeichnet. Doch staunend können wir inzwischen feststellen, dass der beauftragte Baumkosmetiker das Antlitz des Baumes ganz unerwartet retten konnte, vermutlich unter Verwendung größerer Astprothesen. Morgens passieren wir den mit roten Schleifen und Lichtern geschmückten Bertl auf dem Weg zum Antiquariat, bewundern seine Wiedergeburt, beobachten Jung und Alt beim Einwerfen der Weihnachtspost in den gelben Postkasten unterhalb des Baumes und rufen ihm stets ein hoffnungsfrohes "Halleluja!" zu.

Hinweisen möchten wir auf diesem Wege auch auf eine Neuerscheinung mit dem Titel Frankfurt und Umgebung auf historischen Karten aus dem Societäts Verlag. Unter folgendem Link finden Sie die Beschreibung des Buches mit einer Leseprobe: Frankfurt und Umgebung auf historischen Karten

DER POETISCHE FREITAG


Der poetische Freitag
wird mit Erato, der Muse der Liebesdichtung, und ihrer Posaune aus luftigen Höhen angekündigt. Das lyrische Blasinstrument leitet auf dieser Seite fanfarengleich ein:

Lyrik, die Polly betrifft. Sie war am ganzen Körper blond, / soweit sie Härchen hatte. / Bis zum Betthimmel reichte ihr Horizont. / Ihre Seele war scheinbar aus Watte. ­– –  Süße und sehnsüchtige Verse. Ferne! Du vermagst uns nicht zu trennen! / Seelen trennt nicht Berg, nicht Land und Meer. – ­– – Gedichte mit geheimen Botschaften unter Vertrauten. O deine Seele Knabe - perlender Wein - / funkelt aus kühlem Kristall zwischen Veilchenkränzen. ­– – Liebesgedichte, die Spuren hinterlassen. Mein klopfend Herz vor deiner Tür, / Die Fusspur rot im Schnee. – ­– – Verklärte Liebesgedichte. Der blaue Himmel ist nur halb so blau, / Weil du nicht da bist, Liebster. Deine Nähe / Macht, dass ich alles Schöne schöner sehe. / Ich bin doch eine unmoderne Frau ... – ­– – Fragende Gedichte. Jedoch, in wen ist die Rose verliebt? / Das wüßt' ich gar zu gern. – ­– – Gereimte Trennungen. Ich muss dem Leibe nach Dir itzt zwar Abschied geben, / Doch mein Verliebter Geist wird allzeit bei Dir sein. ­– – Exilgedichte. Doch weil dein Herz mir Flut und Ebbe ist, / Hier, diese Muschel, schimmernd wie von Tränen, / Zum Nachmirsehnen. ­– – Postliebesgedichte. Und weiss: Ein Herz, das man schon mal verlor, / Reist nur noch in getragenen Gefühlen./ Und während wir noch einmal "Liebe" spielen, / Bereit ich mich zum nächsten Abschied vor. – ­– – Unerträgliches und Haarsträubendes in Versen. Der Mann: / Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße / und diese Reihe ist zerfallene Brust. / Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich. ­– – Unüberwindliche Lyrik. Die Mauern stehn / sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen. ­– – Unvergessliche Trauergedichte. Da stieg ein Baum. / O reine Übersteigung! – ­– – Schlesische Reime, in denen es Schermantes gibt. Ach du liebes schèrmantes Katinkel, / Bleib' uns gut ock ein énziges Brinkel. ­– – Einstmals verbotene Gedichte. Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun: / Eine Frau ist etwas für eine Nacht. / Und wenn es schön war, noch für die nächste! ­– – Freundschaftszeilen. Flüchtig sind die Tage der Freude, kaum fühlen / wir sie, so sind sie nicht mehr!  – ­– – Oder ein kritisches Lehrgedicht aus dem Jahre 1549, das auf Änderungen hoffen lässt. Dann es sprach herr Freydangk / Auff erden ist nichts so gar follenkommen / Das es dem wandel sey benommen.

Für die Notizen aus Frankfurt suchen wir im Frankfurter Dom nach poetischen Spuren und mit Pegasus, auch er - wie die Muse - in luftigen Höhen, enden wir diese werbende Einleitung und beginnen die Vielzahl der Angebote mit Friedrich Hölderlin.

 

 

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Frankfurter Dom & Poesie Lyrik lesende Menschen in der Umgebung der Braubachstraße zu finden, haben wir uns schwieriger vorgestellt, doch bereits der zweite Anlauf - nämlich unser Gang zu dem nicht weit entfernten Kaiserdom St. Bartholomäus - war erfolgreich. Der sehr freundliche aus Angola stammende Portier Carlos Feijo mochte uns sogleich zwei seiner poetischen Begleiter anvertrauen. Antonio Agostinho Neto und Fernando Pessoa. Neto war nicht nur Dichter, sondern auch Arzt und in den 70er Jahren erster Staatspräsident von Angola. In der gleichen Zeit sind einige seiner Gedichte in deutscher Sprache erschienen, nämlich im Reclam Verlag in Leipzig und hier in Frankfurt im Röderberg-Verlag. Die Werke des portugiesischen Autors sind der deutschsprachigen Leserschaft vor allem in einer frühen Ausgabe durch den Suhrkamp Verlag sowie aufgrund der zahlreichen Veröffentlichungen durch den Amman Verlag bekannt geworden.
Trotz aller Widrigkeiten, Renovierungsarbeiten und Corona-Virus, kann der Dom besucht werden. Auf der unteren Abbildung sehen wir
eine getönte Lithographie von und nach Domenico Quaglio von 1819. Es ist, so behaupten wir, eine der schönsten Darstellungen des Frankfurter Doms. Die Geräusche der zahlreichen Vögel und die Stimmen der Bürger mögen poetische Qualitäten besessen haben.

DER MEDIZINISCHE FREITAG


Zumeist gruselig aber nicht ohne Faszination sind für uns Illustrationen, die aus dem Gebiet der Medizin stammen: Sägen, Bohrer, Messer und einzelne abgetrennte Körperteile. Anschaulich sind handkolorierte Nervenstränge oder auch roboterähnliche Körperdarstellungen, die aus dem Werk von Hieronymus Fabricius ab Aquapendente von 1666 stammen. Harmlos bis fantastisch wirken hingegen die sogenannten Monster, die unsere Vorstellungen von Außerirdischen genährt haben könnten. 1634 erschien das Buch De Monstrorum natura, caussis et differentiis von Fortunio Liceti. Hier werden Missbildungen und Abnormitäten aufgeführt, die aus der damals zur Verfügung stehenden Literatur vom Autor gesammelt worden sind. Es ist vor allem die naive Vorstellung des Illustrators, der mit diesen Abbildungen das Bild des Menschen auf faszinierende Art  erweitert hat und uns fabelhafte als auch surrealistische Lebewesen zeigt: der selbstbewusste Elefantenmensch lässt eine Fliege auf seinem Rüssel sitzen, das Schaf zeigt unter seiner prächtigen Gurkennase einen ebenso prächtigen Schnurrbart, Rinder fliegen wie Libellen, Libellen wie fliegende Fische, ein anderes Rind hat den Kopf eines bärtigen Gelehrten und ein Hahn gibt mit seinen vielen Beinen an.
Eine weitere sehr seltene Schrift von 1589 ist das Tractat von den aller fürtrefflichen und kräfftigsten Artzney wider allerley gifft, welches der Stein Bezaar ist…, das Wirkungen eines ganz besonderen Steines beschreibt, nämlich des Bezoarsteins. Der Konstanzer Stadtarzt Hieblin betont in dieser Veröffentlichung, dass Rafis, unter den Arabern der Hochgelehrteste, den Stein zweimal probiert und in ihm fürtreffliche Kraft und Tugend gefunden habe. Obwohl sich ebenso Hamech Beneripho und Abdala Marach als auch andere Gelehrte für diesen Stein ausgesprochen haben, konnten wir uns zu einem Selbstversuch allerdings noch nicht entschließen, da dieser gelbfarbige, weiche Stein ein Klumpen aus dem Magen einer Katze oder eines Greifvogels ist, der aus nichtverdaulichen Resten gefressener Beutetiere besteht. So halten wir uns lieber an die Ratschläge von Monsieur Hecquet, um uns vor der Pest und anderen ansteckenden Krankheiten zu schützen. Ausführliche Rezepturen lassen sich nachlesen in Arzney und Chirurgie der Armen aus dem Jahre 1781.

In den Notizen aus Frankfurt erfahren unsere Leser weitere gesundheitsfördernde und vor allem verführerische Maßnahmen, die man bei einem Besuch in der Braubachstraße nutzen kann.

 

 

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Medizin & Schokolade Hier in der Braubachstraße kann man unweit des Tresor am Römer in der Chocolaterie Bitter & Zart filigrane, gemusterte, cremeweiße, samtbraune, romantikblaue, pfefferminzgrüne und vor allem glückverbreitende Pralinen auswählen und erwerben. Schokolade ist gesund und so empfehlen wir nach dem Besuch im Antiquariat den Weg in die Nr.14, wo bereits das Weihnachtsgeschäft angelaufen ist, wie man gut auf den unteren Fotos erkennen kann. Auf dem großen Foto ist die freundliche und zuvorkommende Elle Wagner zu sehen, die seit kurzem dort mit zarten behandschuhten Fingern die empfindlichen Glückskugeln sortiert. Wer einen Ladenbesuch vermeiden möchte, kann auch online auswählen, bestellen, bezahlen und die vorbereiteten Köstlichkeiten ohne langwierigen Aufenthalt abholen.

Im Vorfeld der Antiquariatsmesse Stuttgart, die man 2021 aufgrund der Pandemie virtuell besuchen kann, findet am 25. November 2020 ein Gespräch zwischen Sibylle Wieduwilt und Ingo Schulze über sein letztes Buch "Die rechtschaffenen Mörder", dessen Hauptakteur passenderweise ein Antiquar ist, statt. Dieses Gespräch wird im Internet live mitzuverfolgen sein. Wenn Sie mehr über diese Veranstaltung erfahren möchten, folgen Sie bitte diesem Link: Das Rote Sofa online

DER LITERARISCHE FREITAG


Eine Erzählung mag wie das Leben sein. Dies hätte Wladimir vermuten können, als Lucidor gekleidet im Morgenrock von Arabella und in Gestalt von Lucile auf ihn zustürzte. Schließlich ist er eine literarische Figur, ein Protagonist in Hugo von Hofmannsthals Erzählung Lucidor.
Die Literatur, so ist man geneigt zu resultieren, scheint ein Wunderstab zu sein. Auch aufgrund dieser Eigenschaft wird die heutige Freitagsseite dem Thema der Literatur gewidmet sein und wird angeführt von einem außerordentlichen Prosastück über die Liebe, rasantes Glücks- und Unglücksempfinden, Täuschung und Enttäuschung - mit einem offenen Ende, das des Lesers Gedanken in seine Realität und vermutlich wieder zurück führt. Denn die Illustrationen von Karl Walser, die sich hier dem Betrachter als Originalradierungen anbieten, laden den Leser ein, zu verweilen und seine Vorstellungskraft in Bewegung zu setzen zwischen den Sätzen des Autors, den Figuren des Illustrators und den eigenen Erfahrungen. Warum Lucidor eigentlich Lucile ist und die seltsamen Umstände, durch welche “sich die ganze Schönheit einer bedingungslos hingebenden Seele, wie Luciles” enthüllen konnte, erfahren wir vor allem in der ersten ansprechend gestalteten und von Karl Walser illustrierten und signierten Ausgabe von 1919.
Im gleichen Jahr, nämlich dem nach dem Ende des die Menschen aufwühlenden Ersten Weltkrieges, erscheint Robinson Crusoe von Daniel Defoe mit 85 teils ganzseitigen Lithographien von Richard Seewald. Diese expressionistischen Illustrationen zeigen überzeugend den Menschen in seiner Einsamkeit, zurückgeworfen auf seine bloße Existenz, eingefügt in die Natur neben Ziegen, Katzen und Papageien in einen Strichrhythmus, der auch durch seinen sensiblen Duktus verführt.

Der stämmige und meistens nach Knoblauch riechende Tartarin von Tarascon hingegen begibt sich in dem Roman Tartarin in den Alpen freiwillig in eine extreme Situation, die beinahe mit einer Katastrophe geendet wäre. Während des ereignisreichen Abenteuers wird Sonia, in die er sich verliebt hat, des Mordes verdächtigt, fällt er, der Beleibte, den Nihilisten in die Hände und begegnet zudem einem Schüler Schopenhauers. Nur ein Jahr nach der französischen Erstausgabe erschien diese deutschsprachige, in einer Vorzugsausgabe gebunden in einem roten Halbledereinband. Alphonse Daudet hat seinen sympathischen Helden mit seinen neuen Ruhmestaten humorvoll geschildert und in Frankreich ist er eine Art Volksfigur geworden. Doch seien Sie auf der Hut, wenn jemand zu Ihnen sagt: “Sie sind ja ein richtiger Tartarin!” Es könnte sein, dass er Sie indirekt als Angeber bezeichnet. Wir empfehlen die Lektüre des Romans, bevor eine Antwort gegeben wird.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Antiquariat & Kino In Frankfurt in dem Arthouse Kino Cinéma ist der Film The Booksellers trotz aller Widrigkeiten angelaufen. Am Samstag, den 31.10.2020, um 17.45 Uhr wird Sibylle Wieduwilt (Inhaberin dieses Antiquariats und Vorsitzende des Verbandes Deutscher Antiquare) den Film einleiten und wird nach der Vorführung gerne eventuelle Fragen des Publikums beantworten.
Heute findet in Stuttgart im Arthouse Kino Atelier am Bollwerk eine Sonderveranstaltung mit anschließendem Filmgespräch mit Sibylle Wieduwilt, Max Neidhardt (Inhaber des Antiquariats Neidhardt) und in der Moderation Prof. Dr. Wulf D. von Lucius (Vorsitzender der Maximilian Gesellschaft) statt. Die Filmvorführung beginnt um 18.00 Uhr. Zudem wird der Film in mehreren deutschen Städten noch an diesem Wochenende in Arthouse Kinos zu sehen sein.

Der amerikanische Dokumentarfilm zeigt weibliche und männliche, verstaubte und sportliche, unsportliche und entstaubte, intellektuelle und intuitive, bebrillte und brillenlose, witzige, nachdenkliche, spleenige und vor allem interessante Buchhändler in ihren Antiquariaten, auf den Messen, bei Kunden, in den Straßen New Yorks, meistens zwischen Büchern. Wir werden in dem Film von D.W.Young zudem unterhaltsam über die Büchersammelleidenschaft informiert, über Probleme und Verdienste des Antiquariatswesens. Immer wieder kann man in den 99 Minuten erstaunt und begeistert sein über die Vielfalt des antiquarischen Metiers und dessen atmosphärische Dichte, die dieser Film transportiert.

Das Foto zeigt die Tür des Tresor am Römer und unter dem Plakat vier zum Ladengeschäft gehörende Beine, die stets bemüht sind, den Kunden möglichst seltene und wertvolle Bücher flinken Schrittes näherzubringen.

DER FRANKFURTER FREITAG


Im Tresor am Römer, gelegen in der Frankfurter Innenstadt, zwischen Paulskirche, Fisch-Franke und dem Angel-Bär, in der Straße, wo einst der Braubach gluckste, sind wir in Maria Belli-Gontards Leben in Frankfurt am Main auf einen Hinweis vom Januar 1801 gestoßen, der unsere Aufmerksamkeit erregt hat, nämlich auf eine Empfehlung für ein Buchgeschenk. Die Kunst hübsche Männer zu fischen entzückt das weibliche Publikum in der Braubachstraße und entfacht so seine Neugierde. Wir sehen uns geneigt aus den beiden Bänden der Dame Belli-Gontard, in denen gesammelte Auszüge der Frag- und Anzeigungs-Nachrichten (des Intelligenz-Blattes) von ihrer Entstehung an im Jahre 1722 bis 1821 zu finden sind, zu zitieren, um das Interesse der Leserschaft zu wecken. So finden wir am 20.August [sic!] 1749 den Eintrag zu der Geburt von Joh.Wolffgang Goethe, dem umgehend eine Korrektur folgt: Der Setzer hat eine Null statt eines Neuners ergriffen ... Nun ist auch dieser Tag umstritten und scheint nicht ganz richtig zu sein, aber interessant ist diese Fußnote, zumal dort u.a. aus dem Nähkästchen geplaudert wird, nämlich dass die erste Flamme des Knaben Gretchen war, Tochter des Wirthes in Offenbach ... . Weitere Vorkommnisse ereigneten sich ebenso am 7.Januar 1766, nämlich des Abends auf der Zeil nächst der Schäfergaß, eine Kätzin von allerley Farben ... mit einem spitzen Kopf ... verlohren worden war ... außerdem wurde 1801 eine Empfehlung zur Nutzung der öffentlichen Badeanstalt von 22 Frankfurter Ärzten, darunter Dr. Sömmering, Dr. Huschke und Dr. Melber, veröffentlicht, deren Anzahl der Unterzeichner die Wichtigkeit des Themas vermuten lässt. Schließlich finden wir im Frühling 1820 eine Anzeige für ein großes Conzert des Geigers Alexander Jean Boucher, einer der merkwürdigsten Violinspieler neuerer Zeit, präludiert und begleitet von seiner Gattin. So unscheinbar diese vermischten Notizen auch erscheinen, so sehr können sie das Leben in Frankfurt in unserer Vorstellung bereichernd beleben. Der Blick der unten aufgeführten Reiseführer aus den Jahren 1836, 1840, 1843 oder die Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes der Freien Reichs-Wahl und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn von 1747 sind ganz anderer Art und mit werbenden Kupferstichen ausgestattet, die nicht nur Gebäude zeigen, sondern auch die Ariadne, kühne Bezwingerin des Animalischen, die das Frankfurter Kunstbewusstsein ungemein erweitert.

Erwähnt werden sollte, dass hier nur ein geringer Teil unseres Frankfurtbestandes gezeigt werden kann, wir uns aber freuen würden, Sie im Laden begrüßen zu dürfen, in der Braubachstraße, wo mitunter noch gefischt wird, zumindest nach chevaleresken Männergestalten.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Stadtführung & Karneval Für Stadtführungen in der neuen Altstadt in Frankfurt, also unweit des Tresor am Römer, ist auch die Historikerin Silke Wustmann zuständig. Aufgrund der neuen Situation, die durch das Corona-Virus hervorgerufen wurde, bietet sie u.a. Führungen für kleine Gruppen mit einer Teilnehmerzahl von höchstens 10 Personen an. Silke hat hier im Antiquariat vor zwei Jahren zur Eröffnung der wiederaufgebauten Altstadt aus ihrem Buch Frankfurter Liebespaare vorgelesen und daher wissen wir, wie lebendig und witzig ihr Vortragsstil ist. Neben Führungen zu Frankfurter Märchen und Sagen, Königen und Kaisern sieht man sie auch häufig Gruppen, die kulinarisch interessiert sind, durch die Straßen und Gassen führen. Auf dem Foto sehen wir sie auf dem Hühnermarkt vor Friedrich Stoltze, wo sie das bildungshungrige und dankbare Publikum informiert. Im Hintergrund erahnen wir - etwas klein aber doch erwähnenswert - das Prinzenpaar, seine Tollität Jonas I. und ihre Lieblichkeit Sandra I., das - und dies ist eine aktuelle Mitteilung des Grossen Rates der Karnevalsvereine Frankfurt am Main e.V. - wegen der Corona-Situation 2021 nicht bei einer Sitzung inthronisiert werden kann. Dies ist tatsächlich eine Novität für die Frankfurter. Aber glücklicherweise bleibt uns noch die wohlschmeckende Frankfurter Grüne Soße - hier auf einer ansprechenden Postkarte zu sehen.

DER FLIEGENDE FREITAG


Schillernde Flügelschuppen, Federn in intensiven Farbtönen und wiederum der farbliche Nuancenreichtum der Käferalae rufen Staunen hervor, und die Buchveröffentlichungen wetteifern mit besonders detailreichen Darstellungen und strahlenden Farbaufträgen um Aufmerksamkeit. Zu den Prachtwerken der Ornithologie des 19. Jahrhunderts gehört die Iconographie des Perroquets von Charles de Souancé, die 48 Tafeln in Groß-Folio mit wunderschönen Papageiendarstellungen zeigt. Die sensible Kolorierung weist zarte und doch leuchtende Grüntöne einer breiten Farbpalette auf, die durch die Höhung mit Eiweiß noch intensiver wirkt. Nicht nur die Leichtigkeit und Schönheit dieser handkolorierten Lithographien sei erwähnenswert, sondern auch die naturwissenschaftliche Bedeutung dieser Veröffentlichung, wurden hier doch bisher unbekannte Papageienarten beschrieben. Fast 130 Jahre zuvor ist die dritte holländische Ausgabe der Metamorphosis Insectorum Surinamensium von Maria Sibylla Merian in Amsterdam erschienen und wir sind sehr stolz darauf, dieses berühmte Werk zusammen mit dem Blumenbuch und der Raupen wunderbare Verwandlung in der ersten holländischen Ausgabe anbieten zu können. Das Format in Groß-Folio, die umfangreiche Anzahl der Kupfertafeln, die künstlerische Umsetzung der Metamorphosen, die wissenschaftliche Pionierleistung, die Gefahren, die die Tochter des Kupferstechers Matthäus Merian mit 54 Jahren auf sich genommen hat, um in dem weitgehenst unzivilisierten Land Surinam zu forschen, machen dieses Objekt zu einem bestaunenswerten und imposanten Kunstwerk der Entomologie. Unverkennbar ist ihre künstlerische Handschrift, die sich zudem mit ihrem naturwissenschaftlichem Wissen vereint.

In der Angebotsliste verbergen sich auch Überraschungen - so gibt es ein Buch der Historiae naturalis aus der Mitte des 17.Jahrhunderts, das ein Kapitel über Drachen mit Flügeln enthält. Den Zweiflern von der Existenz des draco alatus möchten wir die Kupferstiche empfehlen, die uns die zahnreichen, schuppigen Tiere vor Augen halten und im lateinischen Text ihre Herkunft verraten.

Heiterkeit löst der Hut des Zeichners Tomi Ungerer aus. Mit seiner rosafarbigen Schleife fliegt er von dem Kopf eines reichen Mannes zu dem eines einbeinigen und bettelarmen Veteranen, dem er Glück bringen wird, denn Benito Badoglio wird eine ohnmächtige Prinzessin retten - "Wer seid Ihr, mutiger Retter?" - und die beiden werden heiraten. Auf der Fahrt in die Flitterwochen fliegt der Hut davon und die Prinzessin sagt: "Lass ihn fliegen, caro mio." Wir sind uns sicher, dass er hier in Frankfurt landen wird und gehen suchend mit Blick gen Himmel durch die Innenstadt. In den Notizen aus Frankfurt können Sie lesen, was wir entdeckt haben.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Brickegickel & Fliegenfischen Auf der Suche nach Vögeln oder Fliegendem streben wir - indem wir den Hühnermarkt passieren - zuerst die Alte Brücke an, auf der der Brickegickel sitzt. Das arme Tier ist vom betrogenen Teufel zerrissen worden - so erzählt man es sich noch heute in Frankfurt am Main. Denn ein Baumeister, der sich vom Teufel helfen ließ, indem dieser Übermenschliches leistete, wollte ihm anstatt der ersehnten Menschenseele die Seele des Hahns andrehen. Der Brickegickel, der heute für Diebe unerreichbar in Bronze und mit einer Goldschicht überzogen auf einer hohen Stange hockt, hat es im Laufe der Jahrhunderte in der Tat schwer gehabt. 1434 ist er beim Sturm ersoffen, 1635 von Schweden abgeschossen worden, 1739 unter der eingestürzten Brücke versunken, 1945 wurde er von der Wehrmacht bei der Sprengung der Brücke in die Fluten befördert, 1992 ist er schließlich gestohlen worden. Nun lebt der goldene Hahn also sein sechstes Frankfurter Leben. In der Braubachstraße gehen wir zum Angel-Bär, der neben Angelutensilien auch Kurse zum Fliegenfischen anbietet. Auf dem Foto können wir den Inhaber Jörg Kraft sehen, der auf unseren Wunsch hin den schillernsten Köder (ohne Widerhaken!) zum Fliegenfischen aus einer Schublade geholt hat. In der Regel fliegt ein viel kleinerer, eben fliegengroßer Lockköder möglichst weit, zielgerecht und vor allem kunstvoll über das Wasser, um eine Forelle anzulocken. Im Odenwald hat Herr Kraft hierzu einen kleinen Fluss gepachtet, wo der Forellenbestand nachhaltig gepflegt wird. Der Main ist zum Fliegenfischen leider nicht geeignet.

DER PHILOSOPHISCHE FREITAG


Philosophische Schriften wurden und werden häufig ohne ästhetische Lockmittel präsentiert. Der philosophische Freitag versucht sich heute durch Zuhilfenahme von dekorativen Stadtplänen und Ansichten auf die Spuren von Philosophen aus unserer Angebotsliste zu begeben. Vor dem Anatomieturm in Jena wird angeregt diskutiert, in Weimar zeigt uns das Wasser der Ilm die gespiegelte Welt, in Frankfurt können wir der damals sehr modernen Häuserzeile am Main folgen, um am Gebäude mit der Wohnstätte von Arthur Schopenhauer innezuhalten. Was mag er gesehen haben, als er Parerga und Paralipomena schrieb? Die Alte Brücke mit seinen Zeitgenossen oder eine verirrte weibliche Ameise auf seinem Fensterbrett? Im Angebot befindet sich die seltene erste Ausgabe dieser seiner kleinen philosophischen Schriften und Sämtliche Werke aus den Jahren 1911-1913, in denen man über u.a. Die Welt als Wille und Vorstellung, Über den Willen in der Natur, Über das Sehen und die Farben und Über die Verhunzung der deutschen Sprache lesen kann. Auch die Ansicht von Weimar bietet sich an, denn von Friedrich Nietzsche sind erst kürzlich die zwei Bände Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister in unser Angebot aufgenommen worden. Der 1.Band ist aus der raren ersten Ausgabe, die in nur ca. 450 Exemplaren verkauft worden ist. Auf Veranlassung seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche sind die Gesammelte(n) Werke in der sogenannten Musarionausgabe herausgegeben worden und empfehlen sich ebenfalls in der Liste. G.W.F. Hegel, der vor 250 Jahren geboren wurde, wird mit seiner Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse und in einem Text über den Einfluß des Hegelschen geschichtsphilosophischen Schemas von Leopold von Henning bedacht. Desweiteren sollte an dieser Stelle auf mehrere Titel - zumeist in ersten Ausgaben - von Johann Gottlieb Fichte hingewiesen werden. Dank seines Aufenthaltes in Berlin, können wir den Plan mit der integrierten Gesamtansicht der Stadt zeigen. Der Kupferstich ist um 1740 bei Homann Erben gestochen und gedruckt worden und präsentiert sich in altem Kolorit und in einem äußerst dekorativen Erscheinungsbild.

In den Notizen aus Frankfurt haben wir uns in Richtung Main auf die Spuren von Arthur Schopenhauer begeben und sind sogar einem Pudel begegnet, der leider ein griesgrämiges Gemüt besaß und unsere Anfrage nach einem Foto entschieden ablehnte. Glücklicherweise haben wir noch ein alternatives Pudeltier entdeckt.

 

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Frankfurts Bibliothek & Schopenhauers Pudel Gülden schimmern die Buchstaben über die Straße hinweg zum Main: Litteris Recuperata Libertate Civitas. Dank Arthur Schopenhauer können wir seit 81 Jahren eine fehlerfreie Inschrift auf der alten Bibliothek lesen. Die vorherige ist nach der Fertigstellung 1825 von dem Philosophen als eine Verunzierung in Küchenlatein mit drei Fehlern entpuppt worden. Die Stadt hat also, so erfahren wir, nach Wiedererlangung der Freiheit das klassizistische Gebäude den Wissenschaften gewidmet. Im Zweiten Weltkrieg ist es fast komplett zerstört worden. Inzwischen befindet sich das Literaturhaus in der rekonstruierten Bibliothek. 
Der Pudel - Schopenhauer besaß stets einen - der kürzlich in den Straßen von Frankfurt promenierte, ließ sich, wie bereits oben erwähnt, leider nicht ablichten. Ganz unerwartet können wir aber einen Pudel aus dem Jahre 1827, also einen Zeitgenossen des Philosophenpudels, abbilden. Wir sehen ihn hier mit seinem Kumpel, dem Mops. Der Pudel hat übrigens den lateinischen Namen canis aquaticus, also Wasserhund, weil er einen Hang zum Baden hat. Vermutlich kommt daher auch die Bezeichnung des begossenen Pudels und so stellen wir uns vergnügt vor, dass der Philosoph und sein Pudel gemeinsam im Main baden gegangen sind.

DER FRANZÖSISCHE FREITAG


Heute eröffnen die beiden jungen Franzosen, der gute Toto und der böse Tom, unseren französischen Freitag. Le Bon Toto et le Méchant Tom ou la Journée de Deux Petits Garçons ist eine sogenannte Struwwelpetriade von Louis Ratisbonne, ein Autor des 19.Jahrhunderts, dessen Kinderbücher unter dem Pseudonym Trim erschienen sind. Monsieur Ratisbonne war anscheinend auch an deutscher Literatur interessiert - so gibt es Texte von ihm über Heinrich Heine und zudem hat der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann - dank seiner französischen Übersetzung - 1860 das Pariser Licht erblickt. Der böse Tom hat sich jedenfalls nicht vom deutschen und bitterbösen Friederich beeindrucken lassen, der ja bekanntlich aufgrund eines rächenden Hundebisses am Bein stark gelitten hat. Nein, Tom verschüttet das Frühstück, er ist fürchterlich dreckig, unordentlich, zänkisch, widerspenstisch - doch in der Nacht wird er seine Strafe bekommen, denn Alpträume und deren fiese Geister werden ihn plagen, während der gute Toto im Schlaf von einem Engel begleitet wird… Beruhigt können wir, die wir artig waren, nun den Beschreibungen der Katakomben in Paris von Héricart de Thury folgen. Dieser Ausgabe von 1815, die bereits durch das Thema besticht, sind zwei Briefe beigebunden, die aus der Feder des Autors stammen, der nebenbei bemerkt passenderweise ein Fan von Gothic Novels war. Der Empfänger der Briefe, Hardouin Michelin, dessen Namenseintrag wir auch auf dem Vorsatz finden, hat sich als Paläontologe ebenso wie Monsieur de Thury für Ausgrabungen und für die Société d‘encouragement pour l‘industrie nationale interessiert.


Geglückt erscheint uns an dieser Stelle der Blick auf die Aufklärungsschrift über Newton von Voltaire. Die Elémens de la philosophie de Neuton werden hier in einer für das französische Rokoko typisch gestalteten Ausgabe angeboten, die neben zahlreichen Textkupfern auch das berühmte Porträt dieses überaus wichtigen Aufklärers Voltaire beinhaltet. Folgen kann an dieser Stelle die Französische Revolution und Die Pariser Jacobiner in ihren Sitzungen, die damals ganz aktuell im Jahre 1793 erschienen sind. 1804 hat Johanna Schopenhauer, Mutter des Philosophen, eine Fahrt durch Frankreich unternommen. Die Reise von Paris durch das südliche Frankreich bis Chamouny zeigt nicht nur die schönen Dinge des damaligen Landes, sondern weist den Leser auch auf die Schmutzkörner hin, doch “jetzt bog der Wagen um eine Ecke und wir befanden uns mitten auf den Boulevards. Die artigen Häuser, zum Teil mit Gärtchen davor, die vielen Buden, die Zelte, die von schönen Bäumen eingefassten Alleen, das lustige Gewimmel der Spazierengehenden und Fahrenden, alles zeigte sich so lebendiger, als es schönes Wetter und obendrein Sonntag war …”.

Heute am Freitag in Frankfurt ist es nicht ganz so wunderbar wie sonntags in Paris, doch in den Notizen aus Frankfurt können wir auf einen Stand mit einem berühmten französischen Milchprodukt hinweisen, das mitunter über einen façettenreichen Geschmack verfügt und einen starken Geruch ausströmt.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Bouygette & Galletout In der Kleinmarkthalle finden wir von der Braubachstraße aus gesehen das nächste französische Produkt, nämlich den allseits geliebten französischen Käse am Stand von Mika am Markt. In der Mittagszeit herrscht reger Verkehr von suchenden hungrigen Kunden, die mit ihrem Mundschutz und knurrendem Magen an den zahlreichen Händlern vorbeiziehen. Stefan Beißler führt das internationale Sortiment vor und erläutert unsere Fragen zu dem auffällig geformten Ziegenkäse aus der Provence. Der Bouygette de Chèvre reift nämlich auf Farnblättern heran und erfreut den Käseliebhaber mit einem besonders milden Geschmack, der auch mit Honig oder Konfitüre begleitet werden kann. An einen gewölbten Kiesel aus der Dordogne erinnert der Galletout, ein Ziegenkäse aus dem Ort Cazillac. Überzogen ist die dünne Rinde von einem weißen, feinen Flaum, dessen Farbe Gourmets und Wortsuchende ein Galletoutweiß finden lassen. Und der sanfte, leicht säuerliche als auch frische Geschmack wird heute unseren französischen Freitag krönen.

DER IN HOLZ GESCHNITTENE FREITAG

Staunen. Applaus. Ein Zirkuspferdchen in Orange, Federn auf dem Pferdekopf schmücken in Blau, ein zarter Zirkusartist mit orangenen Bäckchen, blaue Stirnfalten in dicker Linie geschnitten, kreiselnde Linien zeigen die Zirkusarena so ungelenk in der Linienführung wie intensiv im Ausdruck. Der Brücke-Künstler Erich Heckel zeigt uns hier seine expressionistische Kunst in originalen Holzschnitten auf Vor- und Nachsatz der ersten Monographie über ihn. Die komplementäre Farbgestaltung und das lebendige Motiv haben uns dazu verführt, das Thema des heutigen Freitags, nämlich das des Holzschnittes, fanfarengleich einzuleiten. So folgt die Inkunabel von 1498 erst an zweiter Stelle, obwohl sie nicht nur als erste im deutschen Sprachraum gedruckte Horazausgabe beeindruckt, sondern ebenso durch ihre 167 Textholzschnitte. Diese illustrieren den Text nicht nur, denn zusammen mit der Typographie formen sie als gestaltendes Element den Inhalt, ja agieren miteinander, sich gegenseitig fördernd. Diese Ausgabe ist in der Tat ein herausragendes und geglücktes Beispiel für die experimentierfreudige Frühphase der Buchgestaltung. 33 Jahre später erschien die erste deutsche Ausgabe der Officia von Cicero, die mit über 100 Holzschnitten von H.Weiditz und auch Burgkmair bereichert ist und in der der Betrachter mitunter ungewohnte Motive in harmonischer Schraffurentechnik entdecken kann. Zu begeistern vermag Das Kestnerbuch von 1919, das wiederum expressionistische Originalgraphik birgt, darunter auch Holzschnitte von L.Feininger und E.Heckel, oder die Künstlerbücher von HAP Grieshaber, die durch ihre Formengroßzügigkeit auffallen. Es soll auch hingewiesen werden auf das in Holz geschnittene Dornröschen in weichen fließenden Linien und den Königssohn, der - ebenso fließend umrandet - so chevaleresk, so sanft und kühn die Schlafende befreiend wachgeküsst hat und sich der Eindruck verstärkt, dass die Prinzessin ohne die geglückten Holzschnittillustrationen von Alfred Zacharias noch heute schlafen würde.


Unsere Notizen aus Frankfurt führen heute in die hölzerne und heitere Figurenwelt der Braubachstraße.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Der hölzerne Zirkusclown aus dem Erzgebirge Passend zu der Zirkusarena von Erich Heckel haben wir in dem Antiquitätengeschäft Magus hier in der Braubachstraße 26, also nur wenige Schritte entfernt vom Tresor am Römer, einen Clown aus Holz entdeckt, der mit zu kurzen Hosen, seiner für die Mundöffnung zu kleinen Zigarre, einer zu großen Fliege, der roten Nase und seinen aufgerissenen Augen nicht nur bei den vielen asiatischen Touristen Heiterkeit ausgelöst haben mag, sondern inzwischen die inländischen Urlauber anzieht und ihnen ein Lächeln wenn nicht gar ein Lachen entlockt. Der musikalische Clown wurde in den 1990er Jahren im Erzgebirge gefertigt, hat einen sehr guten Erhaltungszustand und kann für 48.- Euro erworben werden. In den Tiefen des großflächigen Ladengeschäftes kann man auch ein hölzernes Schaukelpferdchen entdecken, andere lustige Holzfiguren aus dem Erzgebirge, Möbel, Geschirr und zarte Porzellanfiguren aus unterschiedlichen Ländern und Zeiten, unterhaltsam arrangiert; so können wir im Schaufenster Louis Bonaparte, von empfindsamen Händen koloriert, in heldenhafter Pose auf seinem rassigen Schimmelhengst bewundern, der sich neben einem zahnschmerzgeplagtem Terrier aufbäumt, ebenfalls aus Porzellan, mit einem roten Tuch, das um Kiefer und Kopf schmerzlindernd gebunden ist. Behütet wird das umfangreiche Sortiment heute von der frohgemuten Inhaberin, Maria-Luisa del Alamo, die wir auf dem unteren Foto hinter einer Kunststoffscheibe sehen können - geschützt vor dem hinterlistigen Corona-Virus.

DER BLÜHENDE FREITAG


Die Zwiebel einer Feuerlilie in der Handtasche oder in der Hosentasche kann ungemein vorteilhaft wirken - vor allem als Liebeszaubermittel. Um diesen Volksglauben zu illustrieren, stellen wir an diesem blütenreichen Freitag auch die farbprächtige Feuerlilie, flankiert von zwei Veilchen, aus dem Hortus Eystettensis vor. Das Lilium cruentum flore pleno zieht den Betrachter nicht nur durch seine dargestellte Größe und das strahlende per Hand aufgetragene Kolorit in den Bann, sondern verführt mit ihren voluptuösen barocken Formen. Die Grünblätter wie die Blütenblätter und die Stempel scheinen sich zu bewegen und locken so den Interessierten immer näher an sich heran. Geradezu magisch verführt werden wir von der seltenen Sonnenblume, die ebenso aus dem Garten von Eichstätt stammt und im Angebot aufgeführt wird. Die züngelnden gelben Blüten, die detaillierst in Kupfer gestochenen Röhrenblüten in der Mitte verführen gleichermaßen durch Plakativität und durch Detailtreue. Die Kupferplatten der beiden Kupferstiche stammen aus dem erstmals im Jahre 1613 erschienenen Hortus Eystettensis und unterstreichen die Ausnahmestellung dieses Werkes, das sich im außergewöhnlichen sogenannten Königs-Folio präsentiert und mit der Schönheit der botanischen Abbildungen besticht. Basilius Besler erhielt von dem Fürstbischof von Eichstätt den ungewöhnlichen Auftrag, den Garten in Buchform wiederzugeben. Der Titel der Veröffentlichung übertreibt nicht, wenn er eine sorgfältige und genaue Aufzeichnung und naturgetreue Darstellung aller jener mit einzigartigem Fleiß aus den verschiedenen Erdteilen zusammengetragenen Pflanzen, Blumen und Bäumen verspricht.

Auf den Kupferstichen eines anderen Prachtwerkes, der Flora Londinensis von William Curtis, bemerken wir neben den Pflanzendarstellungen, wiederum sorgsam handkoloriert, feine kleine Blütenteile, nämlich Staub- und Fruchtblätter, die dem erst 40 Jahre alten revolutionären Ordnungssystem von Carl von Linné folgen. Die zwei Foliobände, erschienen 1777-1798, sind ebenso umfangreich wie gewichtig in Bedeutung als auch in ihrer Gestalt. Hat man erst einmal einen Band auf den Tisch gewuchtet, kann man sich selbst als Laie nicht mehr von den filigran gestochenen und kolorierten Plants - die Texte sind nicht nur in Lateinisch sondern auch in Englisch verfasst - rund um London lösen. Desweiteren schätzen wir uns glücklich unseren Kunden eine Ausgabe über das Pflanzenreich des Pariser Umlandes vorstellen zu können. Der wunderschön gebundene Band Flore pittoresque des environs de Paris von A.Vigneux aus den Jahren 1812-1814 ist nicht minder reizvoll in der Gestaltung der 69 Kupfertafeln. Wiederum begegnen wir der Natur formen- und farbenreich, ahnen und sehen Veränderungen in der Darstellungsweise im Laufe der Jahrhunderte.

In unseren Notizen aus Frankfurt können Sie bei Samen Andreas einen kleinen Blick auf die vielen Samentütchen werfen, die mitunter merkwürdige Blumensorten bergen.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Schwarzäugige Susanne & Mimose Rühr mich nicht an Unweit der Kleinmarkthalle befindet sich das Geschäft Samen Andreas in der Töngesgasse, das bereits in der fünften Generation als Familienunternehmen besteht. 1868 wurde es gegründet und bietet u.a. ein wahrlich umfangreiches Sortiment von für uns heute interessanten Blumensamen in grellbunten Tütchen an. So gibt es die Samen der einjährigen Mimose Rühr mich nicht an als auch der faszinierenden Passionsblume neben der Schwarzäugigen Susanne. Auf dem Foto lächelt uns Nils Andreas freundlich unter seinem Mundschutz und vor seinem Samensortiment zu, die Werbung auf der unteren Abbildung stammt aus dem Jahr 1904.

Wahrscheinlich fragen sich unsere Kunden jetzt, ob die liebesfördernden Zwiebeln der Feuerlilie noch angeboten werden. Nachdem wir unsere Handtaschen gefüllt haben - man weiß ja nie, ob man einem heldenhaften und vor allem schönen Cavaliere begegnet - mussten wir allerdings erfahren, dass die begehrten Zauberzwiebeln nun ausverkauft sind. Eventuell gibt es im September wieder neue Beutelchen.

DER HESSISCHE FREITAG


Wer auf die Suche geht, wird in dem Angebot "Der hessische Freitag" so manches interessante Detail finden. Neben den Märchensammlungen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, in denen man u.a. über eine abenteuerlustige Bohne lesen kann, die vor Lachen platzt - aber keine Angst, denn sie wird gerettet -, kann auch wahrlich abenteuerliche hessische Geschichte entdeckt werden. In "Beiträge zu der Geschichte der Ritterburgen und Bergschlösser in der Umgegend von Frankfurt am Main" von Friedrich Philipp Usener werden wir informiert über Irrungen, Verlobungen, Beerbungen, Stiftungen, Besitzungen, Vermählungen, Vergrößerungen, die nicht immer konfliktfrei vonstatten gingen. Beleidigte bezichtigten Schelme "... du recht dypscher, falscher, erloser Mörders, Straßenreybers, Lügners, Böswicht ..." und ein Ritter jagte den anderen durch Bergen, Bommersheim, Münzenberg, Falkenstein, Königstein, Eppstein, Bad Vilbel, Reiffenberg, Hattstein und Kronberg, der Landvogt den Burgvogt, der Junker den Landmann, der rauhe Ritter zu O. schließlich besiegt von dem besonders mutigen und anmutigen Ritter A. ... Namen, Zahlen, Jahre sind detailliert von dem kundigen Juristen und Heimatforscher Usener aufgeführt. Wiederum von Jacob Grimm finden Sie hier ein Grundlagenwerk zur historischen Betrachtung des deutschen Rechts. Weitere Rechtsfälle, so der Streit zwischen den Grafen Isenburg, den Grafen von Schönborn und der Reichsstadt Frankfurt um ihre Jagdrechte im Dreieicher Wildbann, bespickt mit Urkunden und Beweisen werden für Juristen interessant sein, als auch die Rechtsgeschichte der Wetterau von Friedrich Thudichum und eine weitere Abhandlung über das Recht in der Dreieich von Friedrich Scharff.

Freunde des Taunus können durch unser grafisches Angebot flanieren. Künstlerisch wurde diese landschaftlich reizvolle Gegend Ende des 18.Jahrhunderts entdeckt und hat auch den Frankfurter Künstler Anton Radl angezogen, der hier mit einer großformatigen und ungewöhnlichen Darstellung von Schlangenbad vertreten ist, die er aus dem Dickicht gesehen und diesen Blick mit auffällig gewachsenen Bäumen flankiert, gezeichnet hat. Zwei kleinformatigere Ansichten von Fritz Wucherer, der der Kronberger Malerkolonie angehörte, können hier bereits die Charakteristik seines künstlerischen Stiles andeuten, für Interessierte würde sich allerdings der Besuch im Tresor am Römer lohnen, der über ein umfangreiches Angebot von Grafik und auch einigen Originalzeichnungen dieses Künstlers verfügt.

 

Neugierige Nichthessen können in unseren Notizen aus Frankfurt ein originales Handkäsdippsche sehen und ein außergewöhnliches Marzipanprodukt.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Handkäsdippsche & Marzipanhandkäs Direkt am Eingang der Kleinmarkthalle gelegen, findet man in der Frankfurter Innenstadt den beliebten Hessenshop, in dem es ausschließlich begehrte hessische Spezialitäten gibt. Zu entdecken sind Gläser mit Senf der 80jährigen Fraa [sic! hessisch!] Schreiber, die in der Markthalle ihre Würstchen verkauft und mit einem Porträtfoto, lachend, das Etikett belebt, das beliebte blau-weiße Bembel-Fahrradtricot als auch Ebbelwoi-Duschgel, fruchtig nach Äpfeln duftend, sowie Fanartikel der Frankfurter Eintracht. Eine Kundin verrät, dass sie für Geschäftsreisen in die ganze Welt gerne hier ihre Präsente kauft, die kämen immer sehr gut an. Das Handkäsdippsche aus exklusivem Steinzeug, in dem der mit Zwiebeln verfeinerte Handkäs zu Hause für das Abendbrot serviert wird, ist leider bereits ausverkauft und nur noch im Geschenkkorb, hier von der freundlichen Mitarbeiterin präsentiert, erwerbar. Desweiteren sehen wir im Vordergrund sogenannte Behelfsmasken mit unterschiedlichen lustigen und vor allem hessischen Aussprüchen wie "Hammersbald?" oder "Gude!". Im Hintergrund erahnen wir Goethe mit aufgesetzter Schirmmütze "Make Frankfurt great again". Auf dem unteren Foto können wir wiederum Handkäs mit Musik und mit einer Scheibe Brot beäugen, um schaudernd festzustellen, dass es sich um täuschend echte Marzipanprodukte handelt, die es bestimmt nur hier in Hessen gibt.

DER TIERISCHE FREITAG


Regenwürmer zog es lang
Grillen hetzt es angst und bang

Käfer grub es köpflings ein

zog die Spinne an dem Bein ...

 
Heute beginnen wir den Freitag mit Versen zu Mäuselchen, dem Tierquäler und lenken so den Blick auf die lustigen aber auch maliziösen Reime und Illustrationen zu Der Thierstruwwelpeter aus dem Jahre 1887.

Zur Erheiterung unseres Freitagsgemüts sei hier zudem eine der netten Geschichten aus dem Buch, nämlich von dem ungeschickten aber tanzfreudigen Elefanten Hans Taps zitiert, der es sich nicht nehmen lässt, auf einem Ball im Senegal sein Elefantentanzbein zu schwingen.
 
Kaum kehrte er zum Senegal,

Gab sein Herr Vater einen Ball,

wozu die Vettern und die Tanten

und alle Rüssel-Anverwandten,
sowie die ganze Nilpferdschaar 

sehr höflich eingeladen war.

Hans Taps sucht aus dem Damenflor

das schönste Fräulein sich hervor,
Ein zartes Kind mit sanfter Miene

genannt die weiße Trampeline.

"Mein schönes Fräulein!" flüstert er,
"Zum ersten Walzer, bitte sehr!"
...
Ja, dreimal tritt er in der Hitze
Auf Trampeline's Stiefelspitze. 
...

Und weiterhin wird – soviel sei verraten, um den dargestellten Besen zu erklären – auch das kostbare senegalische Teegeschirr zu Bruch gehen.

 

Anthromorphe Züge finden wir natürlich ebenso bei dem schlauen Reineke de Vos. Die hier angebotene Ausgabe von 1711 ist eine Wiederentdeckung der niederdeutschen Fassung und hat J. Christoph Gottsched bei seiner Übersetzung beeinflusst. Der foliogroße und tierfuttersackschwere Reineke Fuchs von Johann Wolfgang von Goethe mit den detailreichen Illustrationen von Wilhelm von Kaulbach erheitern uns immer wieder durch seinen boshaften und kritikreichen Witz. Hätte Goethe die Schildkröte aus dem ersten wissenschaftlichen und ausschließlich zoologischen Werk der Renaissance, die Historia animalium von Conrad Gessner gekannt, sicherlich hätte er dieses Prachtexemplar in sein Tierepos mit eingeschrieben. Sie ist eines der 23 Reptile, das in Holz geschnitten und 1617 in der hier vorliegenden dritten Ausgabe in einem kräftigen Druck veröffentlicht wurde. Von ganz anderer Art ist das Prachtwerk von Georg W. Knorr, das über 100 Jahre später erschienen ist und das durch die aufwendig per Hand aufgetragenen Farben besonders intensiv strahlt. Korallen, Muscheln, Schmetterlinge, Seeigel, Mineralien, Hummer und Spinnen, Seesterne, Fische, Vögel, Säugetiere und Reptilien wetteifern in ihrer Luminanz um die Wette und selbst für naturwissenschaftlich uninteressierte Betrachter ist es schwierig, sich den Schönheiten dieser Naturaliensammlung zu entziehen.

Gewaltig war auch das Buchprojekt des Schweizers Johannes J. Scheuchzer, das er zusammen mit dem Verleger Johann A. Pfeffel aus Augsburg bewältigte. Die Physica Sacra erläutert und erklärt auf über 2000 Seiten und mit 758 Kupfertafeln die naturwissenschaftlichen Aspekte der Heiligen Schrift, um so einen Gottesbeweis zu erbringen. Neben Läusen, Käfern, Nilpferden finden sich auch Elefanten, die zwei gemeinen Stoßzahntierjägern drohende Blicke zuwerfen. Der Elefant Hans Taps hingegen befindet sich da in einer amüsanteren Situation auf dem Ball im Senegal mit seiner sanften Trampeline, die er am Ende vielleicht sogar noch mit seinem Rüssel küssen wird. In den Notizen aus Frankfurt werden Tierfreunde erfahren, wie es dem neuen Bienenstamm im Frankfurter Zoo in diesen Zeiten ergeht und wer Donatus vom Rühlskopf ist.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Donatus vom Rühlskopf & zugezogene Bienen Heute sind wir besonders glücklich, dass sich Donatus vom Rühlskopf bereit erklärt hat, für ein Foto zu posieren. Der vierjährige Deutsch Drahthaar ist ein ausgebildeter Jagdhund, der sich auch gerne im Uhrengeschäft "Ebert" gegenüber des Tresor am Römer aufhält, wo sein Herrchen Herr Paulus tätig ist. Wir sehen Donatus hier in lässiger Stadtpose. Den Thierstruwwelpeter kannte er übrigens noch nicht.

Aus dem Zoo können wir die frohe Botschaft vermelden, dass im Mai annähernd 30.000 Bienen aus Karben nach Frankfurt gezogen sind. Doch kann man den neuen Bienenstock noch nicht besichtigen, denn Zoodirektor Casares legt darauf Wert, dass die "Menschenaffen" während der Corona-Pandemie von den Bienen ferngehalten werden. Da es nur eine begrenzte Anzahl von derzeitg sehr begehrten Eintrittskarten gibt, sollte man diese früh genug buchen. Der Imbisswagen und auch die Eisstände sind geöffnet.

DER ITALIENISCHE FREITAG


Die Begeisterung für Italien ist ungebrochen. Doch das Reisen in unser Sehnsuchtsland ist in diesen Zeiten zu einer Wunschvorstellung geworden, die genährt werden möchte und so bieten wir einen Spaziergang durch die Orangenhaine des italienischen Geistes an, seine  Gebilde, Gestalten und Landschaften. Die Euphorie für Italien hat Tradition und setzte in England in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts ein. Zahlreich sind die Reisebeschreibungen und Reiseführer, die den bildungsemsigen Reisenden begleitet, seine Erwartungen formuliert oder die Erinnerungen wachgehalten haben. Ein beliebtes deutsches Reisewerk “Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen ...” von Johann Georg Keyßler erschien 1740 und kann im folgenden Angebot in der vermehrten Ausgabe betrachtet werden. Die beiden Bände versorgten auch Goethes reisenden Vater mit Hinweisen zu Poststationen, über kunsthistorische Entwicklungen als auch über landestypische Eigenheiten, und das Stichwortregister erweckt noch heute unsere Neugierde auf angekettete Flöhe oder sich an Riesen rächende Zwerge. Fast 50 Jahre später hat Johann Wolfgang Goethe die drei umfangreichen Oktav-Bände von Johann Jacob Volkmann in sein Gepäck gezwängt. Die Kupferstiche der “Historisch-kritische Nachrichten von Italien …” sind luftig, die Ruinen erscheinen zärtlich umarmt von der Natur und feiern die Antike in empfindsamer Manier. Diese Italienbeschreibung wird als maßgeblich für das endende 18.Jahrhundert bezeichnet. Goethe hat sie jedenfalls fast täglich benutzt und beinahe sind wir uns sicher, dass die Stichworte “Karneval”, “Kastraten” und “Katzen” im wortreichen Register seine Aufmerksamkeit erregt haben mögen.

Das älteste Werk - über die Geschichte Italiens - , das wir hier anbieten, ist von Francesco Guicciardini verfasst worden und im Jahre 1566 erschienen. Die geologisch tiefsten Einblicke gewährt uns ein Führer über das unterirdische Rom. Wie sich die Zauberin Armidia in den Cavaliere Rinaldo verliebt und wohin sie ihn entführt, können wir in der geschätzten Übersetzung von Torquato Tassos "Befreites Jerusalem" lesen. Und ein wenig gruseln lässt uns das "Tagebuch" von Max Nohl, der unheimliches Türrütteln und Ungeziefer im Bett während einer Nacht in Ferrara beklagt. Um die Italienbegeisterung nicht zu mindern, sollte jedoch angemerkt werden, dass die Erfahrungen des Verfassers vorwiegend positiv waren und wir in heutiger Zeit nur in seltenen Fällen Tiere in Hotelbetten vorfinden. Tiere von besonderer Schönheit sind auf den über einen Meter hohen Kupferstichen zu entdecken, die die Bemalungen von Raffael in den Privatgemächern des Papstes nachbilden und die hier im Antiquariat oder in den zahlreichen wieder anlaufenden Ausstellungen anlässlich des 500.Todesjahres des Künstlers zu bewundern sind.
Die Bücher, Ansichten und Karten werden heute mit einem italienischen Kalbsgericht am Frankfurter Dom angeboten, unweit von der wiederbelebten Braubachstraße, wo der "Tresor am Römer" seine Besucher zu leicht geänderten Öffnungszeiten auch gerne nach Vereinbarung empfängt.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Italienisches Restaurant & Unitalienisch zu Hause Am Domplatz, unweit des "Tresor am Römer", öffnet heute wieder das italienische Restaurant "Cucina delle Grazie", das von Claudio Fiorentino geführt wird, dem sympathischen Italiener aus Apulien, der bereits seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Wir werden uns bei dem nächsten Besuch wahrscheinlich für eine marinierte Kalbsnuss mit geröstetem Kürbis, die mit einer Sauce aus Burrata, einem Mozzarella ähnlichem Frischkäse gereicht wird, entscheiden. Sollte das Restaurant voll besetzt sein, gibt es hier in der Braubachstraße auch die Möglichkeit bei der "Margarete" vorbestelltes Essen, unter anderem mit der ganz unitalienischen Frankfurter Grünen Soße, abzuholen. Die Zubereitung zu Hause sei kinderleicht wie Spaghetti kochen ... was Claudio wohl dazu sagen würde?

DER ROTE FREITAG


Den 1.Mai verbinden wir zuallererst mit einem kämpferischen Signalrot, das Aufstände und Demonstrationen der Arbeiter ankündigt, das die hier angebotene Kinderrepublik plakativ unterstreicht oder die proletarische Jugend, die Johannes R. Becher als sogenannte Kampfgenossen animieren möchte.

Allerdings ist die Farbe Rot in ihren zahlreichen Tonvarianten auch dem leidenschaftlichen Gefühl der Liebe und der Erotik zugeneigt. Gerade in diesen Zeiten, in denen Berührungen, Umarmungen und Küsse uns untersagt sind, blicken wir sehnsüchtig auf das samtige tiefe Rot der Blütenblätter der Rose, die farbig gedruckt als Aquatintaradierung über enorme Verführungskünste verfügt. Empathisch, vielleicht sogar mit einer Träne im Auge, betrachten wir den Umschlag des provozierenden Grafikers John Heartfield, der effektreich eine Rose mit einer Operationszange drapiert hat und so den "Leidweg der Liebe" illustriert. Mit einem Tränenfluss werden wir "Anna Karenina" in den Händen halten und mit Schluchzen zwei Selbstmorde bedauern, die einer tragischen Doppelliebe in Goethes Schauspiel für Liebende, der "Stella", folgen.


Weniger tränenreich, aber genussvoll könnte die Lektüre von Boccaccios "Decameron" in der hier präsentierten venezianischen Ausgabe sein, die den Sinnenreichtum dieser Novellensammlung nicht mit der Farbe Rot unterstützt, sondern mit seiner eleganten Typografie, den illustrativen Initialen und den harmonisch und lichtreich geformten Schriftschnitten. Das Buch ist derzeit sehr begehrt. Eine Gruppe junger Menschen befindet sich in einem Landhaus bei Florenz in Quarantäne und dort erzählen sie sich Geschichten voller Sinnengenuss und Erotik. Auf dem farbig illustrierten Einband von "Der Mädchenhirt" können wir die rotgestreiften Kleider der sich anbietenden Mädchen betrachten oder das rote Hutband oder die roten Strümpfe, auf jeden Fall aber die rote Blume am Hut, ein Detail nur und doch verlockend genug. Von den erdbeerroten Küssen - auch diese gibt es -, den ganz besonderen und hier zu bewundernden Liebesäpfeln sowie anderen fruchtigen Liebesreizen kommen wir wieder zurück nach Frankfurt am Main, wo wir die roten Seiten der Stadt in unseren "Notizen aus Frankfurt" beschreiben.

Das Ladengeschäft hat wieder geöffnet - mit leicht veränderten Öffnungszeiten oder nach Vereinbarung - und wir freuen uns sehr, unsere Kunden hier begrüßen zu können.

 

 

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Ochsenblutrot & RRR-Rosen-Roth. Gerne hätten wir für unsere Kunden ein Foto vom Frankfurter Rotlichtviertel gemacht - ein hübsches kleines, rot blinkendes Schildchen vielleicht -, allerdings liegt dieses nicht in der unmittelbaren Umgebung des "Tresor am Römer" und so haben wir uns für das Neue Rote Haus entschieden, das ganz in unserer Nähe, in einem prächtigen roten Gewand am Hühnermarkt steht. Erst 2018 ist die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Altstadt von Frankfurt wieder eröffnet worden, zu dessen Gebäuden auch das Neue Rote Haus aus dem 14. Jahrhundert gehört. Die Fassade des ehemaligen Zunfthauses der Metzger wurde in Ochsenblutrot gestrichen und kann so, noch heute farblich passend, den Verkauf von Fleisch und der berühmten Frankfurter Würstchen begleiten. Tatsächlich ist es derzeit sehr ruhig auf dem Hühnermarkt. Die internationalen Besucher als auch die Tagestouristen fehlen und so werden die drei Wurstesser zur Mittagszeit nur von Friedrich Stoltze beobachtet, der von seinem Denkmal hinunterschaut, geschmückt mit einem prächtigen Bart, der dem von Karl Marx ähnelt. Friedrich Stoltze hat zusammen mit dem Maler Ernst Schalck ab 1860 die "Frankfurter Latern" herausgegeben, eine satirische Wochenzeitschrift, die er beschrieben hat als "weder schwarz-weiss noch schwarz-gelb lackirt, sondern durchaus rrr-rosen-roth" - und die unsere heutige Freitagsseite mit einer Rotnuance ergänzt.

Romantik am Freitag?


Die entscheidende Idee, die zur Romantikbewegung führte, entwickelte sich im Frühling. Diese Behauptung entbehrt zwar jeglichem literaturwissenschaftlichen Beweis, ist aber glaubhaft und leicht nachzuempfinden beim Anblick der blauen Hyazinthe, die jüngst im Bethmannpark in Frankfurt gesehen, von Hunderten von Augenpaaren bewundert, dann fotografiert wurde und sich nun am Ende unseres Angebotes in voller Pracht präsentiert.

Stellen wir uns einen mittelalterlichen Ritter oder Minnesänger vor, der, geschützt von groben Burgmauern mit seiner Angebeteten durch den Burggarten promeniert und vor einer blauen Hyazinthe entzückt verweilt, um dann - ebenso entzückt - die holde Jungfrau in die Arme nimmt, um sie zu küssen. Abends vor den Kamin hat er diesen eindrucksvollen Moment in Wort und Ton gesetzt und das Notenpapier unter die Tür des Zimmers der jungen Frau geschoben. Da ſie die ſchoͤnen Bluͤmelein / So glaͤnzen ſah im Thaue, / Wer mag der Bluͤmlein Meiſter ſeyn, / Gedachte die Jungfraue. 1806 erschienen diese Zeilen in der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn, heute finden Sie das Lied in einem der drei Bände in einer Ausgabe von 1845/46 in unserem Angebot. So gesellen sich noch weitere Augenblicke der Frühromantik bis zur Spätromantik in originalen oder auch späteren und illustrierten Ausgaben zu den handkolorierten Kupferstichen mit blauen Blumen aus dem Hortus Eystettensis und denen aus dem Garten der Maria Sibylla Merian.

Hier sei wieder der Wunsch nach Gesundheit geäußert und der Hinweis, dass trotz geschlossenen Ladentüren unser Versandservice weiterhin stattfindet.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Romantik-Museum & Blaue Hyazinthe. 2 Minuten, 4 Minuten, 6 Minuten, 8 Minuten, 10 Minuten und immer noch hat kein Fußgänger das Deutsche Romantik-Museum, das im Innenstadtbereich von Frankfurt liegt, passiert. Ein kurzes Gespräch über das neue Gebäude mit einem interessierten Passanten, einem Mitarbeiter aus dem nebenan liegenden Freien Deutschen Hochstift oder einem Ritter, einem modernen natürlich, war erhofft gewesen. Hinter der dunklen Scheibe des Eingangs bewegt sich jemand, vielleicht wird der Innenausbau fortgesetzt, denn eigentlich sollte das Museum in diesem Frühjahr eröffnet werden. Enttäuscht geht der Blick von dem rot-weißen Absperrzaun (ein unästhetisches Element aus Kunststoff, das für ein Foto gänzlich ungeeignet ist) vor dem Eingangsbereich über die fertig gestrichene helle Fassade mit Burgcharakter entlang, folgt einem Zickzackelement, bleibt an einer kleinen Fensterluke mit Fensterladen hängen, springt nach rechts zur angrenzenden Ziegelmauer des Goethe-Hauses und fliegt geschwind nach oben in das Blau des Himmels. Hier entfalten sich die Gedanken, die der Farbe folgen und von einer besonders blauen Hyazinthe im Bethmannpark angezogen werden. Wir können sie hier auf einem Foto bewundern und verbinden mit dieser blauen Blume unsere Hoffnungen, dass das Deutsche Romantik-Museum bald eröffnet wird, damit die Kultur in Frankfurt am Main weitere Blüten bilden kann.

Eine Mitgliedschaft im Freien Deutschen Hochstift können wir übrigens wärmstens empfehlen. Sie haben nicht nur die Möglichkeit zahlreiche Veranstaltungen vergünstigt, sondern auch das Goethe-Haus mit seinen 18 Zimmern, das Goethe-Museum mit seiner aufregenden Füssli-Sammlung und das vielversprechende Romantik-Museum frei zu besuchen.

DER GRÜNE FREITAG


Der grüne Freitag vereint Bücher und Grafik aus den Bereichen Literatur, Botanik, Kinderbuch, Zoologie, Topographie und als aktuelle frankfurterische Notiz folgt unserem Angebot das grüne, verführerisch schimmernde Olivenöl der Feinkosthändlerin Caterina Ferraro aus der Kleinmarkthalle in Frankfurt.

All die unterschiedlichen Grüntöne sehen wir geeint und doch in Material und Wirkung unterschiedlich. Während die Blätter der Zitronatzitrone in einem bläulichen Grün aquarelliert sind, kleidet das grüne Maroquin die Duineser Elegien elegant und zurückhaltend. Die Französische Reinette hingegen lockt den Apfelfreund mit seiner frischen Grünfärbung, die sich von einem kräftigen Lindgrün in ein dunkles Schattengrün bewegt. Und die Deckelvergoldung in Form von Linien, 4 Sternchen und dem dynamisch gezeichneten Pegasus auf dem ledernen Grün führt würdevoll in die Tragödie, die von Fritz von Unruh verfasst ist. Fröhlich und unbeeindruckt von der Tragödie springt aber der Grashüpfer von dem Illustrator Ernst Kreidolf über die Vorderseite des Pappeinbandes und möchte uns heiter in Erinnerung bleiben.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen alles Gute und verweisen auf unseren Versandservice, der weiterhin stattfindet.

NOTIZEN AUS FRANKFURT

Olivenöl & Grüne Soße. In der Kleinmarkthalle, eine Institution in der Frankfurter Innenstadt, verkauft Caterina Ferraro aus Kalabrien italienische Feinkost und das besonders ansprechende durchscheinend grüne Olivenöl. Das Dolce Vita, Stand 114-115, bietet nach wie vor - wie fast alle über 60 Kleinmarkthändler - seine Ware an, darunter die für die Stadt Frankfurt typische grüne Soße. Auch hier zwischen den Marktständen ist der Andrang zurückgegangen und doch spürt man nach wie vor das ganz besondere Flair der 1954 wieder aufgebauten Markthalle. Sogar die gerade 80 Jahre alt gewordene Frau Schreiber ("Wollen Sie Rinds- oder Schweinewurst?" Die Touristen, die sich normalerweise vor der schmalen Wurstausgabe schlängeln, werden nur ganz knapp befragt mit "Beef or porc?") steht am Espressotresen und lacht. Wir freuen uns, dass Caterina Ferraro sich bereit erklärt hat, von uns fotografieren zu lassen und wünschen ihr und ihren Kollegen alles Gute für die nächsten Wochen.

Hier sei nochmals angemerkt, dass die Kleinmarkthalle vorerst, mit einigen Einschränkungen, regulär geöffnet bleibt.