Über zwei berühmte Frankfurter und eine unbekannte Dame

 

Seit 1816 war sie die “Freie Stadt Frankfurt”. Das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich auch in Veröffentlichungen wie “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” von Anton Kirchner in deren zwei Bänden auch ein Stadt- und Umlandpanorama aus 25 einzelnen Ansichten des Künstlers Anton Radl entstanden ist. Im Gewand zweier zeitgenössischer Ledereinbände empfiehlt sich der Titel heute im Angebot des Frankfurter Antiquariats “Tresor am Römer”.

Der Englische Hof am Rossmarkt! Acht Amphoren krönen das ausgewogene Antlitz des Hotels. Die Flächen mit wenig Dekor und zarten Reliefs, nur ein Balkon befindet sich an diesem Gebäude über der Rundbogeneinfahrt. Das Hotel der gehobenen Klasse ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Abbildung erst 20 Jahre alt und gehört zum Beginn der klassizistischen Ära Frankfurter Bauens, die schließlich 1809 als offizielle Bauform angekündigt wurde. Die elegant flanierende Dame im bodenlangen Kleid, geschnürt direkt unter dem Busen, aufregend und federleicht geschmückt auf dem Kopf, ist ganz à la mode. Sie kommt zumindest aus England, wenn nicht gar aus dem modeführenden Paris. Ein Hotelgast des Englischen Hofes, vermutlich. Diese Frau von Welt hat das neue Zentrum Frankfurts - wir befinden uns im Jahre 1818 - für ihre Promenade gewählt. Empfehlenswert wäre ein Besuch der neuen Städelschen Kunstsammlung direkt am Platz, die Dienstag und Freitag nachmittags oder am Sonntag-Vormittag für das Publikum geöffnet ist. Zuvor sollte eines der vielgelobten Restaurants aufgesucht werden, vielleicht gleich jenes schräg gegenüber im Hotel Weidenbusch, um reichhaltig zu dinieren. Der Himmel ist stellenweise bewölkt, doch die Sonne scheint bereits hell um 11.35 Uhr - ja, so genau und fein wurde hier gezeichnet und gestochen, dass die Kirchturmuhr der Katharinenkirche zu erkennen ist. Im Schatten befindet sich die flache Fassade des Palais de Neufville und des Hauses Lutteroth, das erst kurz vor der Buchveröffentlichung, 1817, fertiggestellt wurde. Der Baumeister dieser drei abgebildeten Gebäude, der Franzose Salins von Monfort, war - so liest man mitunter - ein Glücksfall für das Formgepräge klassizistischer Bauwerkskunst und dem hiesigen ganz besonderen Stil, der sich in feiner Einfachheit und schlichter Eleganz, gut dosiert mit Erweiterungen des Empirestils, entwickeln konnte. Der Rossmarkt war um 1818 nicht nur der schönste freie Platz in Frankfurt - so jedenfalls beschrieb ihn der Autor der “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” Anton Kirchner -, sondern er war damals auch ein ganz moderner Platz, der das klassizistische Frankfurt präsentierte.

Wie bei der Darstellung des Rossmarktes hat der Künstler Anton Radl bei der “Zeile” eine neue Ansicht gewagt und zeichnete die Gebäude des Zeilbeginns mit der Hauptwache im Rücken. Die Frau im Fenster des damaligen Hotels Weidenhof zu linker Hand mag einen ersten Hinweis zu des Künstlers Entscheidung geben. Nachdem man weiss, dass der Weidenhof, das alt ehrwürdige Hotel, das einst unter dem Großvater von Johann Wolfgang florierte und nach dessen Tode von Herrn Vogelhuber, nämlich dem Vater der Frau des Verlegers dieser “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” erworben wurde, meint man, dass die Frau im Fenster besagten Familienbesitzes, ein wenig frech und frohgelaunt zu dem gegenüberliegenden Gebäude hinüberschaut. Dieses nämlich beherbergte zu jener Zeit die Buchhandlung des Verlages der Gebrüder Wilmans - so jedenfalls beschreibt Fried Lübbecke die Immobiliensituation der Familie. Diese private Note blieb in den sachlichen Beschreibungen von Anton Kirchner unerwähnt. Der evangelische Pfarrer und Historiker widmete sich neben der ausführlich beschriebenen Geschichte auch der Gegenwart, die sich, verursacht durch die starken Veränderungen in der jüngeren Vergangenheit, in steter Bewegung befand. Die bürgerliche Tradition stets betonend, sammelte er ausführliche Informationen über die Stiftung der Städelschen Kunstsammlung, verwendete konkrete Zahlen wie die der ansässigen Buchhandlungen (15!) oder detaillierte Beschreibungen zum Reglement der Lesegesellschaft, die sich im Casinogebäude am Rossmarkt befand. Hingegen wurde der bei vielen kritisierte Vorsitz des Bundestages durch die Österreicher im Palais Thurn und Taxis nur in einem Satz kurz erwähnt, während er den Einfluss der zahlreichen Diplomaten, die die deutschen Fürsten vertraten und sich nun zahlreich in Frankfurt rumtrieben, in einem eigenen Kapitel thematisierte. Die Missachtung der Österreicher ist auffällig und erklärt auch den vaterländischen Ton, der auf eine Sympathie mit der deutschen Einheitsbewegung hinweisen möge. Der 15 Jahre ältere Friedrich Wilmans war Verleger der Romantiker Clemens Brentano, Ludwig Tieck, Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin und wusste sein Programm mit Reiseberichten, moralischen Unterhaltungsbücher, Volkssagen, auch mit einigen Rittergeschichten von Schriftstellerinnen empfindsam in Szene gesetzt, Werken zur Geschichte und - als Antwort auf den erstarkenden Rheintourismus - groß- und kleinformatige Rheinansichten in Kupferstich und Aquatintatechnik zu erweitern.


Seit 1807 arbeitete der Künstler und Stecher Anton Radl, der zuvor 13 Jahre bei dem auf Aquatintastich spezialisierten J.G. Prestel tätig war, für den Verlag Wilmans. Er begann dort als Reproduktionsstecher für die Ortsansichten am Rhein. Die “Ansicht von Wellmich” ist eines der großformatigen Aquatinta-Blätter, das der “Tresor am Römer” zu seinem Angebot zählt. Die Aquatinta ist ein Reproduktionsverfahren, das Anton Radl in der Frankfurter Werkstatt von seinem Meister Prestel erlernt hat. Dieser ist wohl als bekanntester damaliger deutscher Stecher dieser neuen Technik zu nennen, die es erlaubte, größere Flächen in einheitlichen Grautönen wiederzugeben.

Der Lehrer J.G.Prestel ist mit seinen Schülern häufig in die Natur gegangen, um dort das Zeichnen auch anhand von Baumstudien zu lehren, und tatsächlich hat Anton Radl in allen Ansichten außerhalb der Frankfurter Innenstadt die Landschaft betonend und akribisch dargestellt.

2008 erschien ein Katalog über die Arbeiten des damals hoch geachteten Frankfurter Künstler Anton Radl, in der sich auch die großformatige Ansicht von “Schlangenbad” befindet und in der die Schönheit der Natur gefeiert wird. Radls Helden sind die Bäume, buschig und prächtig, mitunter auch mit spärlichem Bewuchs, ungepflegt und schief gewachsen, mit verkrüppelten Astärmchen, beharrlich am Hang wachsend oder auch gerade und stabil, eigenständig und erhaben. Der Hinweis in “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend”, dass der Künstler die Zeichnungen nach der Natur angefertigt hat, lässt daran erinnern, dass diese Arbeitsweise nicht selbstverständlich war und betont die Authentizität von Radls Arbeiten. Bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts sind seine Ansichten wie der Rossmarkt und die Zeil kopiert worden und haben das Bild Frankfurts, der “Freien Stadt Frankfurt”, geprägt. 200 Jahre sind sie jetzt alt und werden interessiert wahrgenommen, angeregt besprochen, intensiv betrachtet und liebhaberisch gesammelt. (nns.)

KIRCHNER, Anton. Ansichten von Frankfurt am Main der umliegenden Gegend und den benachbarten Heilquellen.[Drucktitel]. 2 Bde. Frankfurt, Gebr. Wilmans, 1818. Gr.-8°. 6 nn. Bl., 376 S.; 11 nn., 1 w. Bl., 283 S., mit 2 gestochenen Titeln, 1 gefalteten Tabelle und 25 Kupfertafeln. Leder der Zeit mit Rückenschild, (berieben, Einbände restauriert). 2.400,00

Erste Ausgabe. - Demandt I, 774; Sauer 247. - Erste illustrierte Stadtbeschreibung, die auch das Umland mit einbezieht. Mit den berühmten Ansichten von Frankfurt und Umgebung, die nach Vorlagen von Anton Radl gestochen wurden. - Enthält 12 Gesamt- und Teilansichten von Frankfurt (Zeil, Rossmarkt, Römerberg), Ansichten von Bergen, Bornheim, Hausen, Offenbach, Kronberg, Königstein, Wilhelmsbad, Bad Soden, Wiesbaden, Schwalbach usw. - Ohne den nicht allen Exemplaren beigegebenen Plan. - Wie meist etwas stockfleckig.

Literatur:

Vogt, Günther, Frankfurter Bürgerhäuser des 19.Jahrhunderts, Frankfurt a.M., 1970
Lübbecke, Fried, Fünfhundert Jahre Buch und Druck in Frankfurt am Main, Frankfurt a.M., 1948
Kunstlandschaft Rhein-Main, Malerei im 19.Jahrhundert 1806-1866, Frankfurt a.M., 2000
Anton Radl (1774-1852) - Maler und Kupferstecher, Frankfurt a.M., 2008

 

 

 

Die schwarz-gelb gestreifte Raupe Gottes

Maria Sibylla Merian, geboren 1647 in Frankfurt, starb vor 300 Jahren in Amsterdam. Ihre naturwissenschaftlich orientierte Kunst erfreut sich heute einer auffälligen Renaissance. Bei Betrachtung der “Maniokpflanze mit Larve, Raupe und Falter des Frangipani-Schwärmers, sowie einer Amazonas-Baumboa” folgt man der eigen- und gottessinnigen Künstlerin in ihrem von genauer Beobachtungsgabe gebildeten Kosmos


Roter Kragen, schwarz gepunktet, roter Kopf mit fünf spitzen Zähnchen, der Körper schwarz-gelb gestreift, acht rote kurze Beinchen und das Hinterteil wiederum rot mit einer dornigen Klaue. Die angefressenen gelbgrünen Blätter biegen sich in einem vollendeten Bogen unter der Last der ewig knabbernden Raupe. Dieses eigentlich unansehnliche Raupentier erfreut sich heute, umrissen in sorgfältigen Kupferstichlinien und auf seiner Lieblingspflanze nimmersatt präsentiert, einem erneuten Interesse. 312 Jahre nachdem das stetig kauende Geschöpf dem Publikum präsentiert wurde, wird es in zahlreichen Katalogen, Faksimiledrucken, Biographien, auf Postkarten, Einkaufsbeuteln, Bleistiften und Notizblöcken reproduziert, in Ausstellungen - momentan im Frankfurter Städel - und mitunter auch in Antiquariaten auf handkolorierten Kupferstichen den vielen Interessierten dargeboten. Es ist als hätte die Faszination für das Werk der Maria Sibylla Merian einen neuen Höhepunkt erreicht.

Tatsächlich bietet der Formen- und Farbenklang dieser merianschen Raupe, die erst schleimig schlüpfend, dann rücksichtslos fressend und schließlich nach einer ebenfalls unattraktiven Verpuppung ein Schmetterling oder Falter wird, genügend Anreize, um sie mit einer edlen Goldleiste umrahmt in private oder repräsentative Räume zu hängen. Der glückliche Besitzer der Tafel 5 aus der “Metamorphosis insectorum Surinamensium”, dem letzten großen Werk der in Frankfurt als Tochter des berühmten Matthäus Merian geborenen Maria Sibylla, wird sich an dem attraktiven Stich in vielerlei Hinsicht erfreuen können, denn die Verwandlungen der Insekten in ihrem Lebensraum Surinam verführen zu einer tieferen Beschäftigung der Zusammenhänge, wobei das ästhetische Raffinement und naturwissenschaftliche Bemühen nicht übersehen werden können. Kurz: der Weg zu einer Liebhaberei ist geöffnet.

Treten wir ein in den Kosmos, der den Kreislauf der Verwandlung, der Vergänglichkeit eines Lebewesens zeigt und folgen wir dem barocken Schwung der amazonischen Baumboa und der verführerischen Musterung ihrer Hautoberfläche, die bis zu ihrem gemeinen, ein wenig starren Auge führt. Dieses hat es auf eine ahnungslose Buckelzikade abgesehen, die auf der Erdoberfläche und über einer etwas unförmigen Maniokknolle sitzt. Deren Großflächigkeit gibt den Details der purpurfarbenden Puppe und den zart gepunkteten Eierschalen Raum zur Entfaltung. Die Szenerie gewinnt durch die auffällige Raupe an Lebendigkeit, durch den Fraß an den Blättern an Dramatik und beruhigt sich an dem wundersamen Linien- und Lichtspiel der Flügel des fliegenden Schwärmers. Als Aperçu wird dem Zuschauer ein kunstvoll gerollter Rüssel geboten, der in Form eines Notenschlüssels endet. Auf diese Weise fügt die Künstlerin ein musikalisches Element ein, das den bildlichen Genuss um ein Schwingen zu erweitern vermag. So könnte man sich noch lange in der Vielfalt tummeln und vielleicht in Betrachtung der schutzlosen Buckelzikade und der Endlichkeit des einzelnen Lebewesens dem Vanitasgedanken nachgehen.

Die Eier, die ganz offensichtlich der Schlange zuzuordnen sind, lassen heute schmunzeln, wissen wir doch, dass das lange Kriechtier zu den lebendgebärenden gehört. Und dieser Falter - so lässt es uns eine Fachfrau wissen - gehört nicht zu der Raupe und ihrer Puppe. Doch stellen wir uns vor, wie Maria Sibylla Merian all die Raupen in Surinam großgezogen hat - denn sie hat die Verwandlungen selbst beobachtet und in Zeichnungen festgehalten. Die Situation in dem damals weitgehenst unzivilisierten Land war natürlich abenteuerlich für eine 54 Jahre alte Frau, die allein mit ihrer Tochter Dorothea die Reise gewagt hat. Sie hatten zu kämpfen mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, Malariamücken, Regenzeit, Giftschlangen und Skorpionen sowie aggressiven Ameisenvölkern. Die Raupen hatten größtenteils Giftborsten, das Haus, das sie bezogen, war Wohn- und Zuchtraum zugleich. Nach zwei Jahren wurde die Europäerin schwer krank und musste den Aufenthalt abbrechen. Angesichts dieser widrigen Umstände sollten wir den verwechselten Falter mit Großmut betrachten. Trotz der Fehler, die Merian unterlaufen sind, gilt sie bei Fachleuten als Pionierin der Entomologie, hat sie doch beharrlich die Metamorphosen der Insekten mit ihren Futterpflanzen - also in einem damals neuen Zusammenhang - gezeigt. Diesen Weg hat die gläubige Pietistin Merian gefunden, um die Schöpfung Gottes zu lobpreisen und um sich so dem Schöpfer zu nähern.


In den Dosen, die sie aus Surinam mitbrachte, befanden sich Krokodile, Schlangen, große und kleine, Schildkröten und auch ein Gecko, haltbar eingelegt in Terpentinöl. In Amsterdam, Stadt der Universitäten, der Sammelleidenschaftlichen, der Naturwissenschaftler, der wohlhabenden Patrizier, des Exotika-Imports sah sie Möglichkeiten ihre Metamorphoses in Bildern und Worten, holländischen und lateinischen, zu verwirklichen und zu verkaufen, mit Hilfe von drei Kupferstechern und Caspar Commelin, dem naturwissenschaftlichen Kommentator. Im Jahre 1705 war es dann möglich, entweder die einfache unkolorierte Ausgabe für 18 Gulden oder die kolorierte Ausgabe für 45 Gulden mit jeweils 60 Tafeln in Amsterdam zu erwerben. 50 Jahre zuvor bezog ein Professor 500 Gulden Jahresgehalt. Da sich die wirtschaftliche Situation in den Niederlanden seitdem verschlechtert hatte, ist zu vermuten, dass sich der Gelehrte eine handkolorierte Ausgabe nicht leisten konnte, sondern eher der wohlhabende Patrizier zur Zielkäuferschaft gehörte und den Band über die Bezugsquellen des “Goldenen Adler” oder im “Wachsamen Hund” zu kaufen in der Lage war. Zur Finanzierung der prächtigen Foliobände bot sie ihre Dosen mit Krokodilen und anderen Tierchen an und übernahm eine umfangreiche Auftragsarbeit. Für eine deutsche Ausgabe allerdings reichte ihr Kapital nicht aus und so kam es nie zu einem Druck in der Sprache ihres Heimatlandes.

Das Leben und Werk der Maria Sibylla Merian war außergewöhnlich, besonders fruchtbar und ist von herausragender Qualität, und man möchte eigentlich mehr über ihre Blumen- und Raupenbücher, ihre Kindheit in Frankfurt, ihr Leben in Nürnberg und als Pietistin auf Schloss Waltha, ihre gescheiterte Ehe, ihre Geldnot, den Verkauf der Kupferplatten nach ihrem Tod, die Hindernisse für künstlerisch tätige Frauen, die Geschichte der naturwissenschaftlichen Abbildung oder über den Nutzen der Maniokpflanze erfahren.


Wir empfehlen deshalb die Lektüre einer der vielen Publikationen, den Besuch in der Ausstellung im Frankfurter Städel und natürlich des Antiquariats “Tresor am Römer”, wo wir etwa 30 handkolorierte Blätter aus den “Metamorphosis insectorum Surinamensium” und “De europische Insecten” anbieten können; eine Auswahl unseres Angebot folgt hier. (nns.)

Weitere Blätter finden Sie in unserem Grafik-Angebot:
http://www.tresor-am-roemer.de/dekorative-graphik.html

Literatur:
Kühn, Dieter, Frau Merian!, Frankfurt, 2002

Schmidt-Loske, Katharina, Die Tierwelt der Maria Sibylla Merian, Marburg, 2007

Wettengl, Kurt (Hrsg.), Maria Sibylla Merian, Ostfildern, 1997

 

 

Die zarte Muse Klio im Reisegepäck deutscher Italienbummler

Die Blätter, die Wolken, das Haar, der helle Stoff, der Klio bekleidet, bewegen sich in einem lauen und leichten Sommerwind, dessen nicht zu feuchte Beschaffenheit ideal für einen Italienaufenthalt erscheint.

Das Frontispiz der “Historisch-kritische Nachrichten von Italien …” ist von Christian Gottlieb Geyser  (1742 - 1803) mit zarter Hand in die auf der Kupferplatte befindliche Lackschicht radiert worden. Klio, die Muse der Geschichtsschreibung, ist für eine umfangreiche Beschreibung Italiens, nämlich “der Sitten, Regierungsform, Handlung, des Zustandes der Wissenschaften und insonderheit der Werke der Kunst”, als Allegorie herbeigerufen worden, denn nur ihr mag es gegeben sein, gleichermaßen die Antike, Verstand und Sinnlichkeit zu verkörpern. Die Ruinen, die hier - wie bereits üblich in damaligen Darstellungen - von Pflanzenranken bewachsen sind, erscheinen uns in der typischen Geyser’schen Manier wie zärtlich umarmt von der Natur. Es ist ein lieblicher Verfall, der den Leser, Männer und Frauen, zu den gründlichen Aufzeichnungen des Herrn Volkmann führt. In diesem einzigen Stich versammeln sich alle charakteristischen Eigenschaften des Künstlers und Handwerkers C.G.Geyser, die in dem Künstlerlexikon von Thieme-Becker hervorgehoben werden. Geyser, Schüler von Adam Friedrich Oeser, wird hier die Fähigkeit bescheinigt, “sich in die klassizistische Auffassung seines Lehrers einzufühlen”, der wiederum Winkelmann beeinflusst haben möge. Kurz soll hier an die “Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst” von Winkelmann erinnert werden, die 1755 mit auffälligen Vignetten, skizzenhaft und luftig in der Darstellung eines antiken Motives, von Oeser illustriert worden sind. Genauer und exakter im Detail hat Geyser diese Art der Zeichnung aufgenommen und hat es verstanden, ihr einen “schon von den Zeitgenossen gepriesenen duftigen Schmelz” hinzuzufügen, der “schon früh als originell empfunden wurde”.

Auf den Titelseiten begleiten Vignetten, vermutlich auch von Geyser gestochen, den buchstabenreichen Titel. In der  Titelei des ersten Bandes zeigen zwei emsige Putten die Reiseroute auf einer Italienkarte an. Über ihnen sind die in der Fraktur gesetzten Worte stark gesperrt, sicherlich um die luftige Atmosphäre nicht zu behindern. Für Band 2, der die Beschreibung Roms beinhaltet, hat sich der Leipziger Verlag Caspar Fritsch für den Petersdom in ungewöhnlicher Ansicht entschieden. Nicht der Petersplatz, wie gerne verwendet, führt den Betrachter zu der größten päpstlichen Kirche der Welt, sondern Steinbrocken, ein Bäumchen und ein Wasserlauf befinden sich im Vordergrund und betonen das Naturerlebnis, das in der Zeit der Erstausgabe 1771/72 dieses Italienführers zunehmend die Wahrnehmung der Deutschen anregt und hier in diesem Zusammenhang die Macht des Vatikans zu schmälern mag. Der Vulkan im dritten Innentitel bestärkt diesen Eindruck und findet Widerhall in der Einleitung des Verfassers. "Ein Reisender, der feine Empfindung genug hat, um durch die Schönheiten, woran die Natur in Italien so reich ist, und welche die Kunst übertreffen, gerührt zu werden, der trifft in diesem Lande eine Menge von Scenen an, welche ihm die größte Abwechslung bieten."
Die Begeisterung für Italien hat in England in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingesetzt und mit Reisebeschreibungen, Reisebriefen und Reiseführern wortreich die obligatorisch werdende Grand Tour begleitet und auch, häufig in’s Deutsche übersetzt (wie z.B. J.Addison “Anmerkungen über verschiedene Theile Italiens”, 1752; P.J. Grosley “Neue Nachrichten oder Anmerkungen über Italien und über die Italiener”, 1766)  die Aristokratie Europas euphorisiert. Die beliebte deutsche Reisebeschreibung von J.G. Keyßler ist 1740/41 bei Förster in Hannover erschienen. Nach 30 Jahren wurde es jedoch Zeit, dass die “Neueste(n) Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen”, die übrigens auch Johann Kaspar Goethe für seine Italienreise benutzte, durch neue Erfahrungen, abweichende Beschreibungen und in anderer Manier abgelöst wurden. Inzwischen wuchs auch das Interesse der neuen Teilnehmer der Bildungsreisen von Deutschland gen Süden und kann gemäß der Forschungen von Ludwig Schudt (Italienreisen im 17. und 18. Jahrhundert, 1959) in den Jahren 1750-1800 auf 230 beziffert werden.

Johann Jakob Volkmann (1732  - 1803), der 1757/58 in Italien lebte und in Rom infolge seiner Betrachtungen von Kunst und Antike auch Winckelmann kennenlernte, beschreibt auf 2.759 Seiten Kunst, Künstler (auch in einem chronologischen Verzeichnis der Maler), Sitten, Regierungen sowie Wissenschaften Italiens kenntnisreich und vor allem gründlich, auch um Irrtümer und Schlampereien seiner Vorgänger auszuräumen. Tatsächlich wird diese Italienbeschreibung als maßgeblich für das endende 18.Jahrhundert bezeichnet und wird sich auch in der Geschmacksbildung deutscher Italienbummler als wirksam gezeigt haben. Doch haben die Reisenden die drei umfangreichen Oktavo-Bände wirklich in ihr Gepäck gezwängt? Nicht nur das. Goethe, der seinen guten und aufmerksamen Volkmann hier und dort in seiner “Italienischen Reise” zitiert und mitunter auch bemängelt, zog die hier angebotene zweite viel vermehrte und durchgehend verbesserte Auflage “während seines Aufenthaltes in Italien fast täglich zu Rate” (R.Zapperi, Das Inkognito Goethes, 1999, S.76). Zudem hat Goethe in dem mitgereisten Exemplar die Bauwerke markiert, die er besichtigt hat. Heute steht dieses Exemplar, das er übrigens von C.L. von Knebel ausgeliehen und wohl nicht zurückgegeben hatte, mit Markierungen und Notizen von Goethes Hand im Archiv in Weimar. Marginal kann hier berichtet werden, dass dank Goethes Aufmerksamkeit die Volkmann’sche Beurteilung über die Müßiggänger Neapels, derer es damals 30-40.000 geben sollte, als Falschmeldung entlarvt werden konnte. Goethe selbst hat sich einen ganzen Tag in Neapel auf die Lauer gelegt, um dem Müßiggang auf die Spur zu kommen, musste jedoch feststellen, dass selbst die Kinder kleinen Betätigungen nachgingen. Doch trotz dieser Abweichung hat Goethe 1787 an Charlotte von Stein dieses Werk von Volkmann als gut, aber auch als trocken beschrieben. Dieser Einschätzung soll hier jedoch entgegengetreten werden, führt das wortreiche Register vor dem Schlagwort “Kirche” doch auch den “Karneval”, “Kastraten” und “Katzen” auf.
Weiterhin als Benutzer der “Historisch-kritische(n) Nachrichten von Italien …” können Wilhelm Heinse, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder und Anna Amalia genannt werden. Die eigensinnige Herzogin, die mit 49 Jahren nach Italien fuhr, um “das schöne, natur- und kunstreiche Land mit eigenem Auge zu sehen und zu genießen” (Anna Amalia an Merck, 6.1.1788), versprach sich von Italien auch eine Verjüngung und beschreibt so die Erwartungen, die bei der neuen Reisegeneration zu dem Bildungsanspruch hinzukamen. Der Blick auf den Kupferstich mit der graziösen Klio im leichten Sommerwind wird diese Vorstellung beleben.


Der gelehrte Johann Jakob Volkmann nutzte den Globus der Muse Klio für weitere Reisen nach Frankreich, Holland, England und Spanien, um später die Erfahrungen niederzuschreiben. Wir schätzen uns glücklich, auf dieser Seite auch “Neueste Reisen durch England, vorzüglich in Absicht auf die Kunstsammlungen, Naturgeschichte, Oekonomie, Manufakturen und Landsitze der Großen.” in der ersten Ausgabe anbieten und die “Nachrichten von Italien” um drei weitere Beschreibungen von Rom, nämlich von Paul Aringhi “Abgebildetes unterirdisches Rom.”, von Filippo de Rossi "Ritratto di Roma antica, nel quale sono figurati ..." und von Bonaventura van Overbeke “Les restes de l’ancienne Rome” ergänzen zu können. Die im oberen Text genannte frühe deutsche Reisebeschreibung von Italien von Johann Georg Keyssler “Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen …” soll nicht weniger Beachtung finden und wird im Folgenden näher beschrieben und hier mit den reizvollen Kupferstichen angeboten. (nns.)

VOLKMANN, J(ohann) J(acob). Historisch-kritische Nachrichten von Italien, welche eine Beschreibung dieses Landes der Sitten, Regierungsform, Handlung, des Zustandes der Wissenschaften und insonderheit der Werke der Kunst enthalten. 2. viel vermehrte u. durchgehend verbesserte Aufl. 3 Bände. Leipzig, C.Fritsch, 1777-1778. 8°. Mit gestochenem Frontispiz und 3 gestochenen Titelvignetten. Halbleder der Zeit mit 2 Rückenschildern und leichter Rückenvergoldung, (Rückenschilder von Bd. 1 andersfarbig als von Bd. 2 und 3, etwas berieben, Vordergelenk von Bd. 1 restauriert). € 2.000,00

Slg. Kippenberg 1642; Tresoldi 44; Engelmann 600. - Zweite, stark verbesserte und vermehrte Ausgabe des im 18. Jahrhundert maßgeblichen Italienführers, der auch von Goethe auf dessen Italienreise genutzt wurde. Dieser schrieb 1787 an Charlotte von Stein: " Ich lese jetzt des guten, trocknen Volckmanns zweyten Theil, um mir zu notiren, was ich noch nicht gesehen." (Kippenberg). - "Ein Reisender, der feine Empfindung genug hat, um durch die Schönheiten, woran die Natur in Italien so reich ist, und welche die Kunst übertreffen, gerührt zu werden, der trifft in diesem Lande eine Menge von Scenen an, welche ihm die größte Abwechslung bieten." (Einleitung Bd. 1). - Mehrfach mit privatem Besitzstempel gestempelt, papierbedingt etwas gebräunt, sonst gutes, dekoratives Exemplar.

VOLKMANN, Johann Jacob. Neueste Reisen durch England, vorzüglich in Absicht auf die Kunstsammlungen, Naturgeschichte, Oekonomie, Manufakturen und Landsitze der Großen. Aus den besten Nachrichten und neuern Schriften zusammengetragen. 4 Bände. Leipzig, C.Fritsch, 1781-1782. 8°. Mit 4 (2 wiederholten) Titelvignetten und 1 mehrfach gefalteten teilkolorierten Kupferstichplan, sowie 1 gefalteten Kupferstichkarte. Halbleder der Zeit mit Rückenschildern und Rückenvergoldung, (leicht beschabt, Band 4 mit Wurmfraß an der Seite). € 1.300,00

Erste Ausgabe. - Engelmann I, 373; Schröder VII, 4173, 17. - Volkmann (1732-1803) bereiste nach seinen Studien der Mathematik und des Rechts zuerst Italien und England, später weitere Länder Europas. Nachdem er sich in Leipzig niedergelassen hatte, veröffentlichte er eine Reihe von literarischen und kunsthistorischen Werken, darunter auch seine bekannten Reisewerke. - Mit einem umfangreichen Register in Band 4. - Der Plan mit einer Darstellung Londons, die Karte zeigt England und Wales. - Vor- und Nachsätze leimschattig, Stempel auf Titel verso, Namenseintrag auf Innendeckel.

Nürnbergische Hesperiden –
Johann Christoph Volkamers prächtige Veröffentlichung über die Kultivierung von Zitrusfrüchten

Exemplar aus der Bibliothek des Gottfried Thomasius

 

Die „Cedro grosso Bondoletto“, eine Zitrusfrucht riesigen Ausmaßes, schwebt, beinahe das gesamte Folio-Blatt einnehmend, über einer Stadtvedute von Nürnberg, deren Türmchen und Häuschen unter dem prallen Zitronat überaus zierlich wirken. Die zahlreichen Dellen der Oberfläche sind sorgfältig mit kräftigen in Kupfer gerissenen Strichen geformt, die Plastizität der Rundungen ausdrücklich betont. Die winzigen Porenlöcher, die die strapazierfähige Schale überziehen und ein grazil flatterndes Schriftband mit dem mächtig klingenden Namen betonen die Masse der Form, die jedoch in ihrer figurativen Eindeutigkeit und somit körperlichen Präsenz die Anlage zu einem barocken Sinnbild hat. Tatsächlich waren und sind die Darstellungen der Zitrussorten in Kombination mit Veduten in dieser Art nicht nur ungewöhnlich, sondern einmalig.

Johann Christoph Volkamer (1644-1720) wurde in eine erst seit zwei Generationen in Nürnberg ansässigen Familie hineingeboren. Er selbst war Kaufmann zuerst und doch mehr als ein Hobby-Botaniker, der den kultivierten Gostenhof als Erbe übernahm und stetig vergrößerte. Seine Geschäfte im inländischen Messinghandel und in der Seidenfabrikation in Rovereto ließen zeitlich und finanziell die intensive Zucht der Zitrusfrüchte sowie das Verfassen und die Herstellung des Prachtwerkes mit barock ausladendem Titel zu:

Nürnbergische Hesperides, oder, Gründliche Beschreibung der edlen Citronat- Citronen- und Pomerantzen-Früchte : wie solche in selbiger und benachbarten Gegend, recht mögen eingesetzt, gewartet, erhalten und fortgebracht werden, samt einer ausführlichen Erzehlung der meisten Sorten, welche theils zu Nürnberg würcklich gewachsen, theils von verschiedenen fremden Orten dahin gebracht worden, auf das accurateste in Kupffer gestochen, in vier Theile eingetheilet und mit nützlichen Anmerckungen erkläret : beneben der Flora, oder curiosen Vorstellung verschiedener raren Blumen samt einer Zugabe etlicher anderer Gewächse, und ausführlichem Bericht, wie eine richtig zutreffende Sonnen-Uhr im Gartenfeld von Bux anzulegen, und die Gärten nach der Perspectiv leichtlich aufzureissen : wie auch einem Bericht von denen in des Authoris Garten stehenden Columnis milliaribus ... / Herausgegeben von J.C.V.

Ab 1695 entstanden die ersten Kupferstiche, 1708 erschien der hier vorliegende 1.Band, noch im gleichen Jahr die zweite Auflage, 1713 die lateinische Ausgabe und 1714 der 2.Band. Im deutschsprachigen Gebiet war es das erste Werk über Zitruspflanzen, in Europa gingen ihm zwei italienische Veröffentlichungen im Jahre 1505 “De hortis Hesperidum …“ von Giovanni Pontano und die von Volkamer häufig erwähnten „Hesperides sive de malorum aureorum cultura et usu …“ von Giovanni Battista Ferrari voraus. Die Orientierung an diesem wissenschaftlichen Werk ist auffällig, wurden doch die Früchte in ähnlicher Manier und mit einem flatternden Schriftband gestochen. In dieser Tradition stehend, zieht der Nürnberger, wie seine italienischen Vorgänger, die Hesperiden heran, jene drei Schwestern der antikischen Mythologie, die die Goldenen Äpfel zu pflegen und zu hüten beauftragt waren und wie es in Nürnberg fortgesetzt wurde. Im Frontispiz bieten die Hüterinnen dem Leser gemeinsam die folgenden 282 S. Seiten dar, die weiteren Teile eröffnen sie einzeln in ebenso aufwendig gestochenen Blättern: Aegle, Hesperthusa und Arethusa bieten die Zitrusfrucht in barockem großzügig gestaltetem Ambiente an. Diese Stiche gehören zu den wenigen Blättern, die vom Kupferstecher oder vom Zeichner – hier Paul Decker – namentlich gekennzeichnet wurden. Mindestens acht haben die Nürnbergische Hesperides illustriert. Neben sorgfältig gestalteten Städteveduten, Gebietskarten, Textillustrationen und Vignetten erregte die Genauigkeit und Vielzahl der einzelnen Prospecte Nürnberger und italienischer Gärten aus der Vogelperspektive Aufsehen. Die Früchte, die naturgetreu dargestellt über den Anlagen schweben, hat Johann Christoph Volkamer mit eigener Hand nach dem Leben fleissig abgezeichnet – so gibt er es in der Vorrede an.

In den Sortenbeschreibungen informiert der Autor über Herkunft, Größe, Gewicht, Anatomie und Geschmack der einzelnen Früchte. So gibt er zu der anfangs bewunderten „Cedro grosso Bondoletto“ u.a. an: … welchen ich hie kürtzlich beschreibe/ und in dem verwichenen 1706ten Jahr aus Italien von dem Gard-See erhalten/ dieser hat gewogen hiesige fünff Pfund/ und war in der Grösse/ wie beygelegte in Kupffer gebrachte Figur weiset/ ist unter allen Citronaten die grösseste Art/ welche in Italien wol zehen und mehr hiesige Pfund wüget/ sie seyn wol etwas ablang/ doch nicht so viel andere/ und werden manche auch wol runder. Die Schelffe ist glatter als bey andern/ doch gleichwol etwas knockericht/ und der Länge nach gefaltzet/ so Ferrarius in Hesperid.pag58. Cutem in longitudinem striatam nennet. Das Fleisch zwischen der Schelffen und dem Marck ist zimlich dick/ dabey nicht gar sauer/ sondern zugleich wie etwas bisamhafftig am Geschmack/ und daher sehr lieblich und angenehm zu essen/ wie er dann/ in dünne Plätze geschnitten/ sehr gerne mit dem Gebratens von den Italiänern genossen wird.

Diese differenzierte Beschreibung lässt staunend erahnen, wie weit die Kultivierung der Zitrusfrüchte in Nürnberg entwickelt war. Hierüber gibt uns ein Beitrag von Jochen Martz Auskunft, der die damalige Anzahl der Gärten auf 360 schätzt, von denen 70% die goldenen Früchte angebaut haben. Die zahlreichen Kaufleute der Stadt waren geschäftlich – wie Volkamer selbst – eng mit Italien verbunden und fanden dort Vorbilder für ihre Gärten. An dieser Hochkultur lässt uns heute noch die Veröffentlichung Johann Christoph Volkamers teilhaben.

V(OLCKAMER), J(ohann) C(hristoph). Nürnbergische Hesperides, Oder Gründliche Beschreibung der Edlen Citronat / Citronen / und Pomerantzen-Früchte, Wie solche, in selbiger und benachbarten gegend, recht mögen eingesetzt, gewartet, erhalten und fortgebracht werden.... beneben der Flora, oder Curiosen Vorstellung Verschiedener raren Blumen... Band 1 und Anhang (von 2 Bänden). Nürnberg, Endters Sohn und Erben, 1708. Folio.  Gestochenes Frontispiz, 4 nn. Bl., 255 S., 4 nn. Bl.; 17 S., 2 nn. Bl., mit gestochenem Porträt, 16 gestochenen Vignetten, 2 Textkupfern und 116 (4 doppelblattgroßen, 3 gefalteten) Kupfertafeln. Leder der Zeit mit Rückenschild und Rückenvergoldung, (berieben, Rücken an den Kapitalen mit Leder alt überklebt, Deckel mit einigen kleinen Fehlstellen durch Wurmfraß). € 20.000,00

Aus dem Besitz des Nürnberger Mediziners und Büchersammlers Gottfried Thomasius (1660-1746). - Erste Ausgabe. - Nissen 2076; Pritzel 9848; Hunt 420; Kat. Ornamentstichsammlung Berlin 3324; Slg. Plesch 798; Sitwell 79. - Berühmte Monographie über Zitrusfrüchte und gleichzeitig eines der schönsten naturwissenschaftlichen Kupferstichwerke des Barock. Wie meist ohne die 1714 erschienene "Continuation". - Johann Christoph Volkamer (1644-1720), ein Nürnberger Kaufmann und Erbe einer Seidenfabrik in Rovereto widmete sich der damals sehr populären Orangen- und Zitronenzucht. Seinen Garten vergrößerte er zu einem der Größten Nürnbergs. - Die prachtvollen Kupfer, gestochen von P.Decker, C. Steinberger und anderen, hier in kräftigen Abdrucken vorliegend, zeigen neben allegorischen Darstellungen überwiegend Zitrusfrüchte und exotische Pflanzen zusammen mit betitelten topographischen Ansichten von Nürnberg und Umgebung auf einem Blatt, darunter zahlreiche Gartenanlagen. Eine der ersten Tafeln mit einer Karte des Gardasees, Ansichten des Genueser Vorortes S.Pier d'Arena, des Palazzo Doria zu Genua, usw. - Mit dem oft fehlenden 17-seitigen Anhang über den Obelisken im Hippodrom zu Konstantinopel. - Die ersten und letzten Blatt etwas braunfleckig, am unteren Rand teilweise wasserfleckig, teils die Tafeln betreffend, 2 der gefalteten Tafeln mit hinterlegten Einrissen, Vor- und Nachsatz im 20. Jahrhundert erneuert. Gutes Exemplar dieses berühmten Werkes mit einer berühmten Provenienz. Das in unserem Exemplar eingedruckte Porträt von Marchand nach Hirschmann stellt Gottfried Thomasius (1660-1746), den Bruder des berühmten deutschen Frühaufklärers Christian Thomasius (1655-1728), dar. Das 6-zeilige griechische Zitat des Kaisers Julianus Apostata im Sockel des Porträts lautet: "Andere begeistern sich für Pferde, wieder andere für Vögel und noch andere für wilde Tiere; mir dagegen ist von Kind an ein ungeheures Verlangen nach dem Erwerb von Büchern eingepflanzt." Die Bibliothek von Gottfried Thomasius wurde 1765 in Nürnberg versteigert. Siehe Bibliothecae Thomasianae Bd. II, 3512.

Literatur:

Johann Christoph Volkamers „Nürnbergische Hesperides“ von Heinrich Hamann in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Funktion und Bedeutung von Volkamers Zitrusbuch von Clemens Alexander Wimmer in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Zur Entwicklung der Zitruskultur in Nürnbergs Gärten von Jochen Martz in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Nürnberger naturgeschichtliche Malerei im 17. und 18. Jahrhundert von Heidrun Ludwig, 1998, Marburg

 

John Gould the Bird Man

Die Vogeldarstellungen des John Gould im 19.Jahrhundert

 

In den Vogeldarstellungen des Mr. John Gould vereinen sich wissenschaftlicher Forscherdrang des 19.Jahrhunderts sowie künstlerische Raffinesse in entzückendem Farben- und Formenspiel. Wie - so fragt sich der Betrachter, während die beiden Kolibris lebensgroß auf dem Blatt mit schillernden Farben und in bewundernswerter Eleganz eine lüsterne Blüte umwerben - wie ist diese verführerische Verbindung zwischen Wissenschaft und Ästhetik entstanden?

 

John Gould (1804-1881) gab seit seinem ersten Vogelbuch "A Century of Birds, hitherto unfigured, from the Himalaya Mountains" im Jahr 1832 bis zu seinem Tode insgesamt 21 mehrbändige Titel mit angeblich 30.000 einzelnen illustrierten Blättern heraus. Doch war er nicht nur für die Herausgabe der Bände verantwortlich, sondern er verlegte sie selber und erarbeitete sie wissenschaftlich, die Illustrationen ließ er nach eigenen Skizzen anfertigen und lithografieren.
Es war eine Epoche der Veränderungen, der Unternehmer, der Zeitungsleser, der Societes, der Industrialisierung, des Lärms und Dampfes, des schnellen Reichtums, der jungen inthronisierten Victoria, der Entdecker, der Wissenschaften, kurz: der junge John Gould, der eigentlich Gärtner werden sollte, fand für seine Leidenschaft einen passenden Nährboden und weitere begeisterte Vogelenthusiasten, die Mitarbeiter, Kollegen und Abnehmer seiner Bücher wurden. Da er zu wenig künstlerisches Talent besaß, übte er sich bereits früh im Präparieren von Tieren und konnte mit 21 als bird- and beaststuffer in London beruflich selbstständig werden. Bereits drei Jahre später wurde er im Museum der jüngst gegründeten "Zoological Society of London" auch Kurator und konnte sich großer Aufmerksamkeit erfreuen, als er von George IV. beauftragt wurde, die arme verstorbene, erst zwei Jahre zuvor aus Ägypten eingetroffene und zu jener Zeit auch als cameléopard bezeichnete Giraffe auszustopfen. Als ein Sammler seine Vogelsammlung aus dem Himalaya der "Zoological Society" vermachte, formte sich sein Lebenswerk in seinem ersten Vogelbuch. Er ließ Edward Lear, der damals als Künstler ein Werk mit Papageienlithographien schuf und der später für seine lustigen Nonsense-Books bekannt wurde, seiner Frau Elizabeth Gould die noch junge Technik der Lithographie zeigen. Ihr Stil war nicht ganz so keck wie der von Lear, doch sie setzte die Skizzen ihres Mannes gekonnt um und zeichnete das Vogelkleid in zarten Verläufen auf die schweren Steine, die extra aus Deutschland importiert wurden. "Drawn from Life and on Stone by J.&E. Gould" stand seitdem mit wenigen Ausnahmen, auch Edward Lear hat einige Zeit für John Gould gearbeitet, auf den Vogelblättern. Als Elizabeth 1840, nach dem 19-monatigen Aufenthalt in Australien und dem sechsten Kind viel zu früh starb, wurden Henry Constantine Richter, William Matthew Hart, Josef Wolf und Gabriel Bayfield mit der künstlerischen Umsetzung beauftragt. In Forscherkreisen konnte er Aufmerksamkeit mit der Entdeckung einer neuen Finkengruppe erregen, woraufhin Charles Darwin ihm die wissenschaftlichen Bearbeitung der Vögel für "The Zoology of the Voyage of H.M.S.Beagle" anvertraute.

Bedenkt man die Aussagen zeitgenössischer Besucher des British Museum, in denen den exotischen aber ausgestopften Tierchen ein trauriger Verfall attestiert wurde, so muss man resümieren, dass John Gould den Vögeln durch seine Veröffentlichungen ein würdevolles Andenken geschaffen hat. Und nicht nur das, denn die Lithographien sind Zeugnisse einer Epoche, in der die Naturwissenschaften und die Kunst eine wundervolle Verbindung eingegangen sind. Wer sie vor Augen hat, kann hoffen, durch ihre besondere Schönheit beflügelt zu werden.

 

Weitere Lithographien finden Sie bei uns im Ladengeschäft.

KOLIBIRIS - Pinarolaema Buckleyi.
KOLIBIRIS - Pinarolaema Buckleyi. Darstellung der Kolibris mit Blütenpflanze. Altkolorierte Lithographie von J. Gould u. H. C. Richter bei Walter & Cohn aus: A Monograph of the Trochilidae or Family of Hummingbirds, Supplement. London, 1880. Ca. 49 x 33. € 480,00
KOLIBIRIS - Sporadinus Maugaei. Darstellung des Puerto Ricanischen Smaragdkolibris mit blühender Pflanze. Altkolorierte Lithographie von J. Gould u. H. C. Richter bei Walter & Cohn aus: A Monograph of the Trochilidae or Family of Hummingbirds). London, um 1850. Ca. 49 x 34. € 480,00
KOLIBIRIS - Rhamphomicron Olivaceum. Altkolorierte Lithographie von J. Gould u. W.Hart bei Walter & Cohn aus: A Monograph of the Trochilidae or Family of Hummingbirds. London, um 1860. Ca. 53 x 36. € 320,00
Kentish Plover. Charadrius cantianus. Altkolorierte Lithographie von J.&E. Gould bei Hullmandel aus: The Birds of Europe. London, um 1837. Ca. 36 x 53. € 295,00
Water Rail. Rallus aquaticus. Altkolorierte Lithographie von J.&E. Gould bei Hullmandel aus: The Birds of Europe. London, um 1837. Ca. 36 x 53. € 280,00