OBJEKT DES MONATS

Die schwarz-gelb gestreifte Raupe Gottes

Maria Sibylla Merian, geboren 1647 in Frankfurt, starb vor 300 Jahren in Amsterdam. Ihre naturwissenschaftlich orientierte Kunst erfreut sich heute einer auffälligen Renaissance. Bei Betrachtung der “Maniokpflanze mit Larve, Raupe und Falter des Frangipani-Schwärmers, sowie einer Amazonas-Baumboa” folgt man der eigen- und gottessinnigen Künstlerin in ihrem von genauer Beobachtungsgabe gebildeten Kosmos


Roter Kragen, schwarz gepunktet, roter Kopf mit fünf spitzen Zähnchen, der Körper schwarz-gelb gestreift, acht rote kurze Beinchen und das Hinterteil wiederum rot mit einer dornigen Klaue. Die angefressenen gelbgrünen Blätter biegen sich in einem vollendeten Bogen unter der Last der ewig knabbernden Raupe. Dieses eigentlich unansehnliche Raupentier erfreut sich heute, umrissen in sorgfältigen Kupferstichlinien und auf seiner Lieblingspflanze nimmersatt präsentiert, einem erneuten Interesse. 312 Jahre nachdem das stetig kauende Geschöpf dem Publikum präsentiert wurde, wird es in zahlreichen Katalogen, Faksimiledrucken, Biographien, auf Postkarten, Einkaufsbeuteln, Bleistiften und Notizblöcken reproduziert, in Ausstellungen - momentan im Frankfurter Städel - und mitunter auch in Antiquariaten auf handkolorierten Kupferstichen den vielen Interessierten dargeboten. Es ist als hätte die Faszination für das Werk der Maria Sibylla Merian einen neuen Höhepunkt erreicht.

Tatsächlich bietet der Formen- und Farbenklang dieser merianschen Raupe, die erst schleimig schlüpfend, dann rücksichtslos fressend und schließlich nach einer ebenfalls unattraktiven Verpuppung ein Schmetterling oder Falter wird, genügend Anreize, um sie mit einer edlen Goldleiste umrahmt in private oder repräsentative Räume zu hängen. Der glückliche Besitzer der Tafel 5 aus der “Metamorphosis insectorum Surinamensium”, dem letzten großen Werk der in Frankfurt als Tochter des berühmten Matthäus Merian geborenen Maria Sibylla, wird sich an dem attraktiven Stich in vielerlei Hinsicht erfreuen können, denn die Verwandlungen der Insekten in ihrem Lebensraum Surinam verführen zu einer tieferen Beschäftigung der Zusammenhänge, wobei das ästhetische Raffinement und naturwissenschaftliche Bemühen nicht übersehen werden können. Kurz: der Weg zu einer Liebhaberei ist geöffnet.

Treten wir ein in den Kosmos, der den Kreislauf der Verwandlung, der Vergänglichkeit eines Lebewesens zeigt und folgen wir dem barocken Schwung der amazonischen Baumboa und der verführerischen Musterung ihrer Hautoberfläche, die bis zu ihrem gemeinen, ein wenig starren Auge führt. Dieses hat es auf eine ahnungslose Buckelzikade abgesehen, die auf der Erdoberfläche und über einer etwas unförmigen Maniokknolle sitzt. Deren Großflächigkeit gibt den Details der purpurfarbenden Puppe und den zart gepunkteten Eierschalen Raum zur Entfaltung. Die Szenerie gewinnt durch die auffällige Raupe an Lebendigkeit, durch den Fraß an den Blättern an Dramatik und beruhigt sich an dem wundersamen Linien- und Lichtspiel der Flügel des fliegenden Schwärmers. Als Aperçu wird dem Zuschauer ein kunstvoll gerollter Rüssel geboten, der in Form eines Notenschlüssels endet. Auf diese Weise fügt die Künstlerin ein musikalisches Element ein, das den bildlichen Genuss um ein Schwingen zu erweitern vermag. So könnte man sich noch lange in der Vielfalt tummeln und vielleicht in Betrachtung der schutzlosen Buckelzikade und der Endlichkeit des einzelnen Lebewesens dem Vanitasgedanken nachgehen.

Die Eier, die ganz offensichtlich der Schlange zuzuordnen sind, lassen heute schmunzeln, wissen wir doch, dass das lange Kriechtier zu den lebendgebärenden gehört. Und dieser Falter - so lässt es uns eine Fachfrau wissen - gehört nicht zu der Raupe und ihrer Puppe. Doch stellen wir uns vor, wie Maria Sibylla Merian all die Raupen in Surinam großgezogen hat - denn sie hat die Verwandlungen selbst beobachtet und in Zeichnungen festgehalten. Die Situation in dem damals weitgehenst unzivilisierten Land war natürlich abenteuerlich für eine 54 Jahre alte Frau, die allein mit ihrer Tochter Dorothea die Reise gewagt hat. Sie hatten zu kämpfen mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, Malariamücken, Regenzeit, Giftschlangen und Skorpionen sowie aggressiven Ameisenvölkern. Die Raupen hatten größtenteils Giftborsten, das Haus, das sie bezogen, war Wohn- und Zuchtraum zugleich. Nach zwei Jahren wurde die Europäerin schwer krank und musste den Aufenthalt abbrechen. Angesichts dieser widrigen Umstände sollten wir den verwechselten Falter mit Großmut betrachten. Trotz der Fehler, die Merian unterlaufen sind, gilt sie bei Fachleuten als Pionierin der Entomologie, hat sie doch beharrlich die Metamorphosen der Insekten mit ihren Futterpflanzen - also in einem damals neuen Zusammenhang - gezeigt. Diesen Weg hat die gläubige Pietistin Merian gefunden, um die Schöpfung Gottes zu lobpreisen und um sich so dem Schöpfer zu nähern.


In den Dosen, die sie aus Surinam mitbrachte, befanden sich Krokodile, Schlangen, große und kleine, Schildkröten und auch ein Gecko, haltbar eingelegt in Terpentinöl. In Amsterdam, Stadt der Universitäten, der Sammelleidenschaftlichen, der Naturwissenschaftler, der wohlhabenden Patrizier, des Exotika-Imports sah sie Möglichkeiten ihre Metamorphoses in Bildern und Worten, holländischen und lateinischen, zu verwirklichen und zu verkaufen, mit Hilfe von drei Kupferstechern und Caspar Commelin, dem naturwissenschaftlichen Kommentator. Im Jahre 1705 war es dann möglich, entweder die einfache unkolorierte Ausgabe für 18 Gulden oder die kolorierte Ausgabe für 45 Gulden mit jeweils 60 Tafeln in Amsterdam zu erwerben. 50 Jahre zuvor bezog ein Professor 500 Gulden Jahresgehalt. Da sich die wirtschaftliche Situation in den Niederlanden seitdem verschlechtert hatte, ist zu vermuten, dass sich der Gelehrte eine handkolorierte Ausgabe nicht leisten konnte, sondern eher der wohlhabende Patrizier zur Zielkäuferschaft gehörte und den Band über die Bezugsquellen des “Goldenen Adler” oder im “Wachsamen Hund” zu kaufen in der Lage war. Zur Finanzierung der prächtigen Foliobände bot sie ihre Dosen mit Krokodilen und anderen Tierchen an und übernahm eine umfangreiche Auftragsarbeit. Für eine deutsche Ausgabe allerdings reichte ihr Kapital nicht aus und so kam es nie zu einem Druck in der Sprache ihres Heimatlandes.

Das Leben und Werk der Maria Sibylla Merian war außergewöhnlich, besonders fruchtbar und ist von herausragender Qualität, und man möchte eigentlich mehr über ihre Blumen- und Raupenbücher, ihre Kindheit in Frankfurt, ihr Leben in Nürnberg und als Pietistin auf Schloss Waltha, ihre gescheiterte Ehe, ihre Geldnot, den Verkauf der Kupferplatten nach ihrem Tod, die Hindernisse für künstlerisch tätige Frauen, die Geschichte der naturwissenschaftlichen Abbildung oder über den Nutzen der Maniokpflanze erfahren.


Wir empfehlen deshalb die Lektüre einer der vielen Publikationen, den Besuch in der Ausstellung im Frankfurter Städel und natürlich des Antiquariats “Tresor am Römer”, wo wir etwa 30 handkolorierte Blätter aus den “Metamorphosis insectorum Surinamensium” und “De europische Insecten” anbieten können; eine Auswahl unseres Angebot folgt hier. (nns.)

Cayman. Kaiman und Schlange. Kolorierter Kupferstich nach Marian Sibylla Merian aus "Metamorphosis Insectorum Surinamensium", Tafel 69. Paris, Ausgabe 1771. 32 x 47. Am oberen Rand etwas knapp beschnitten. € 2.900,00

Berühmtes Blatt, das erstmals in der zweiten Ausgabe der "Metamorphosibus Insectorum Surinamensium" von 1719 erschien.
Prächtige Darstellung eines mit einer Schlange kämpfenden Kaimans.

Opossum mit sechs Jungtieren, darüber 2 Gottesanbeterinnen und Nest. Kolorierter Kupferstich nach Merian aus "Metamorphosis Insectorum Surinamensium", Tafel 66. Amsterdam, Bernard, 1730.
31 x 25. € 1.000,00

Maniok. Darstellung einer Maniokpflanze mit Larve, Raupe und Falter des Frangipani-Schwärmers, sowie einer Amazonas-Baumboa. Altkolorierter Kupferstich von Mulder nach Merian aus "Metamorphosis Insectorum Surinamensium", Tafel 5. Amsterdam, Bernard, 1730.
37 x 29. VERKAUFT

Melilotus lutea. Darstellung eines Stein-Klees mit Faltern, Raupen und Puppen. Altkolorierter Kupferstich aus "De Europische Insecten", Tafel 64. Amsterdam, Bernard, 1730. 11,5 x 15,5.
Gerahmt mit Museumsglas. € 520,00

Dickstielige Wasserhyazinthe mit Giftlaubfrosch und großer Wasserwanze. Darstellung des Frosches mit Laich und Kaulquappen. Kolorierter Kupferstich von Mulder nach Marian Sibylla Merian aus "Metamorphosis Insectorum Surinamensium", Tafel 56. Paris, Ausgabe 1771. 39 x 27,5. € 1.000,00

Caryophyllus purpureus. Darstellung einer Malve mit Blüten und Knospen, sowie Faltern, Raupe und Puppen. Altkolorierter Kupferstich aus "De Europische Insecten", Tafel 49. Amsterdam, Bernard, 1730.
15 x 11. € 390,00

Erschien erstmals 1679 in „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung".

Guajave. Guave. Abbildung Guavenzweiges mit Vogelspinnen, eine mit einem getöteten Kolibri und Ameisen Kolorierter Kupferstich von Sluyter nach Merian aus "Metamorphosis Insectorum Surinamensium", Tafel 18. Paris, Ausgabe 1771. 39 x 31,5. € 1.500,00

Weitere Blätter finden Sie in unserem Grafik-Angebot:
http://www.tresor-am-roemer.de/dekorative-graphik.html

Literatur:
Kühn, Dieter, Frau Merian!, Frankfurt, 2002

Schmidt-Loske, Katharina, Die Tierwelt der Maria Sibylla Merian, Marburg, 2007

Wettengl, Kurt (Hrsg.), Maria Sibylla Merian, Ostfildern, 1997