Objekt des Monats

Nürnbergische Hesperiden –
Johann Christoph Volkamers prächtige Veröffentlichung über die Kultivierung von Zitrusfrüchten

Exemplar aus der Bibliothek des Gottfried Thomasius

 

Die „Cedro grosso Bondoletto“, eine Zitrusfrucht riesigen Ausmaßes, schwebt, beinahe das gesamte Folio-Blatt einnehmend, über einer Stadtvedute von Nürnberg, deren Türmchen und Häuschen unter dem prallen Zitronat überaus zierlich wirken. Die zahlreichen Dellen der Oberfläche sind sorgfältig mit kräftigen in Kupfer gerissenen Strichen geformt, die Plastizität der Rundungen ausdrücklich betont. Die winzigen Porenlöcher, die die strapazierfähige Schale überziehen und ein grazil flatterndes Schriftband mit dem mächtig klingenden Namen betonen die Masse der Form, die jedoch in ihrer figurativen Eindeutigkeit und somit körperlichen Präsenz die Anlage zu einem barocken Sinnbild hat. Tatsächlich waren und sind die Darstellungen der Zitrussorten in Kombination mit Veduten in dieser Art nicht nur ungewöhnlich, sondern einmalig.

Johann Christoph Volkamer (1644-1720) wurde in eine erst seit zwei Generationen in Nürnberg ansässigen Familie hineingeboren. Er selbst war Kaufmann zuerst und doch mehr als ein Hobby-Botaniker, der den kultivierten Gostenhof als Erbe übernahm und stetig vergrößerte. Seine Geschäfte im inländischen Messinghandel und in der Seidenfabrikation in Rovereto ließen zeitlich und finanziell die intensive Zucht der Zitrusfrüchte sowie das Verfassen und die Herstellung des Prachtwerkes mit barock ausladendem Titel zu:

Nürnbergische Hesperides, oder, Gründliche Beschreibung der edlen Citronat- Citronen- und Pomerantzen-Früchte : wie solche in selbiger und benachbarten Gegend, recht mögen eingesetzt, gewartet, erhalten und fortgebracht werden, samt einer ausführlichen Erzehlung der meisten Sorten, welche theils zu Nürnberg würcklich gewachsen, theils von verschiedenen fremden Orten dahin gebracht worden, auf das accurateste in Kupffer gestochen, in vier Theile eingetheilet und mit nützlichen Anmerckungen erkläret : beneben der Flora, oder curiosen Vorstellung verschiedener raren Blumen samt einer Zugabe etlicher anderer Gewächse, und ausführlichem Bericht, wie eine richtig zutreffende Sonnen-Uhr im Gartenfeld von Bux anzulegen, und die Gärten nach der Perspectiv leichtlich aufzureissen : wie auch einem Bericht von denen in des Authoris Garten stehenden Columnis milliaribus ... / Herausgegeben von J.C.V.

Ab 1695 entstanden die ersten Kupferstiche, 1708 erschien der hier vorliegende 1.Band, noch im gleichen Jahr die zweite Auflage, 1713 die lateinische Ausgabe und 1714 der 2.Band. Im deutschsprachigen Gebiet war es das erste Werk über Zitruspflanzen, in Europa gingen ihm zwei italienische Veröffentlichungen im Jahre 1505 “De hortis Hesperidum …“ von Giovanni Pontano und die von Volkamer häufig erwähnten „Hesperides sive de malorum aureorum cultura et usu …“ von Giovanni Battista Ferrari voraus. Die Orientierung an diesem wissenschaftlichen Werk ist auffällig, wurden doch die Früchte in ähnlicher Manier und mit einem flatternden Schriftband gestochen. In dieser Tradition stehend, zieht der Nürnberger, wie seine italienischen Vorgänger, die Hesperiden heran, jene drei Schwestern der antikischen Mythologie, die die Goldenen Äpfel zu pflegen und zu hüten beauftragt waren und wie es in Nürnberg fortgesetzt wurde. Im Frontispiz bieten die Hüterinnen dem Leser gemeinsam die folgenden 282 S. Seiten dar, die weiteren Teile eröffnen sie einzeln in ebenso aufwendig gestochenen Blättern: Aegle, Hesperthusa und Arethusa bieten die Zitrusfrucht in barockem großzügig gestaltetem Ambiente an. Diese Stiche gehören zu den wenigen Blättern, die vom Kupferstecher oder vom Zeichner – hier Paul Decker – namentlich gekennzeichnet wurden. Mindestens acht haben die Nürnbergische Hesperides illustriert. Neben sorgfältig gestalteten Städteveduten, Gebietskarten, Textillustrationen und Vignetten erregte die Genauigkeit und Vielzahl der einzelnen Prospecte Nürnberger und italienischer Gärten aus der Vogelperspektive Aufsehen. Die Früchte, die naturgetreu dargestellt über den Anlagen schweben, hat Johann Christoph Volkamer mit eigener Hand nach dem Leben fleissig abgezeichnet – so gibt er es in der Vorrede an.

In den Sortenbeschreibungen informiert der Autor über Herkunft, Größe, Gewicht, Anatomie und Geschmack der einzelnen Früchte. So gibt er zu der anfangs bewunderten „Cedro grosso Bondoletto“ u.a. an: … welchen ich hie kürtzlich beschreibe/ und in dem verwichenen 1706ten Jahr aus Italien von dem Gard-See erhalten/ dieser hat gewogen hiesige fünff Pfund/ und war in der Grösse/ wie beygelegte in Kupffer gebrachte Figur weiset/ ist unter allen Citronaten die grösseste Art/ welche in Italien wol zehen und mehr hiesige Pfund wüget/ sie seyn wol etwas ablang/ doch nicht so viel andere/ und werden manche auch wol runder. Die Schelffe ist glatter als bey andern/ doch gleichwol etwas knockericht/ und der Länge nach gefaltzet/ so Ferrarius in Hesperid.pag58. Cutem in longitudinem striatam nennet. Das Fleisch zwischen der Schelffen und dem Marck ist zimlich dick/ dabey nicht gar sauer/ sondern zugleich wie etwas bisamhafftig am Geschmack/ und daher sehr lieblich und angenehm zu essen/ wie er dann/ in dünne Plätze geschnitten/ sehr gerne mit dem Gebratens von den Italiänern genossen wird.

Diese differenzierte Beschreibung lässt staunend erahnen, wie weit die Kultivierung der Zitrusfrüchte in Nürnberg entwickelt war. Hierüber gibt uns ein Beitrag von Jochen Martz Auskunft, der die damalige Anzahl der Gärten auf 360 schätzt, von denen 70% die goldenen Früchte angebaut haben. Die zahlreichen Kaufleute der Stadt waren geschäftlich – wie Volkamer selbst – eng mit Italien verbunden und fanden dort Vorbilder für ihre Gärten. An dieser Hochkultur lässt uns heute noch die Veröffentlichung Johann Christoph Volkamers teilhaben.

V(OLCKAMER), J(ohann) C(hristoph). Nürnbergische Hesperides, Oder Gründliche Beschreibung der Edlen Citronat / Citronen / und Pomerantzen-Früchte, Wie solche, in selbiger und benachbarten gegend, recht mögen eingesetzt, gewartet, erhalten und fortgebracht werden.... beneben der Flora, oder Curiosen Vorstellung Verschiedener raren Blumen... Band 1 und Anhang (von 2 Bänden). Nürnberg, Endters Sohn und Erben, 1708. Folio.  Gestochenes Frontispiz, 4 nn. Bl., 255 S., 4 nn. Bl.; 17 S., 2 nn. Bl., mit gestochenem Porträt, 16 gestochenen Vignetten, 2 Textkupfern und 116 (4 doppelblattgroßen, 3 gefalteten) Kupfertafeln. Leder der Zeit mit Rückenschild und Rückenvergoldung, (berieben, Rücken an den Kapitalen mit Leder alt überklebt, Deckel mit einigen kleinen Fehlstellen durch Wurmfraß). € 20.000,00

Aus dem Besitz des Nürnberger Mediziners und Büchersammlers Gottfried Thomasius (1660-1746). - Erste Ausgabe. - Nissen 2076; Pritzel 9848; Hunt 420; Kat. Ornamentstichsammlung Berlin 3324; Slg. Plesch 798; Sitwell 79. - Berühmte Monographie über Zitrusfrüchte und gleichzeitig eines der schönsten naturwissenschaftlichen Kupferstichwerke des Barock. Wie meist ohne die 1714 erschienene "Continuation". - Johann Christoph Volkamer (1644-1720), ein Nürnberger Kaufmann und Erbe einer Seidenfabrik in Rovereto widmete sich der damals sehr populären Orangen- und Zitronenzucht. Seinen Garten vergrößerte er zu einem der Größten Nürnbergs. - Die prachtvollen Kupfer, gestochen von P.Decker, C. Steinberger und anderen, hier in kräftigen Abdrucken vorliegend, zeigen neben allegorischen Darstellungen überwiegend Zitrusfrüchte und exotische Pflanzen zusammen mit betitelten topographischen Ansichten von Nürnberg und Umgebung auf einem Blatt, darunter zahlreiche Gartenanlagen. Eine der ersten Tafeln mit einer Karte des Gardasees, Ansichten des Genueser Vorortes S.Pier d'Arena, des Palazzo Doria zu Genua, usw. - Mit dem oft fehlenden 17-seitigen Anhang über den Obelisken im Hippodrom zu Konstantinopel. - Die ersten und letzten Blatt etwas braunfleckig, am unteren Rand teilweise wasserfleckig, teils die Tafeln betreffend, 2 der gefalteten Tafeln mit hinterlegten Einrissen, Vor- und Nachsatz im 20. Jahrhundert erneuert. Gutes Exemplar dieses berühmten Werkes mit einer berühmten Provenienz. Das in unserem Exemplar eingedruckte Porträt von Marchand nach Hirschmann stellt Gottfried Thomasius (1660-1746), den Bruder des berühmten deutschen Frühaufklärers Christian Thomasius (1655-1728), dar. Das 6-zeilige griechische Zitat des Kaisers Julianus Apostata im Sockel des Porträts lautet: "Andere begeistern sich für Pferde, wieder andere für Vögel und noch andere für wilde Tiere; mir dagegen ist von Kind an ein ungeheures Verlangen nach dem Erwerb von Büchern eingepflanzt." Die Bibliothek von Gottfried Thomasius wurde 1765 in Nürnberg versteigert. Siehe Bibliothecae Thomasianae Bd. II, 3512.

Literatur:

Johann Christoph Volkamers „Nürnbergische Hesperides“ von Heinrich Hamann in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Funktion und Bedeutung von Volkamers Zitrusbuch von Clemens Alexander Wimmer in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Zur Entwicklung der Zitruskultur in Nürnbergs Gärten von Jochen Martz in: „Nürnbergische Hesperiden und Orangenkultur in Franken“, 2011, Petersberg

Nürnberger naturgeschichtliche Malerei im 17. und 18. Jahrhundert von Heidrun Ludwig, 1998, Marburg