OBJEKT DES MONATS

Über zwei berühmte Frankfurter und eine unbekannte Dame

 

Seit 1816 war sie die “Freie Stadt Frankfurt”. Das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich auch in Veröffentlichungen wie “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” von Anton Kirchner in deren zwei Bänden auch ein Stadt- und Umlandpanorama aus 25 einzelnen Ansichten des Künstlers Anton Radl entstanden ist. Im Gewand zweier zeitgenössischer Ledereinbände empfiehlt sich der Titel heute im Angebot des Frankfurter Antiquariats “Tresor am Römer”.

Der Englische Hof am Rossmarkt! Acht Amphoren krönen das ausgewogene Antlitz des Hotels. Die Flächen mit wenig Dekor und zarten Reliefs, nur ein Balkon befindet sich an diesem Gebäude über der Rundbogeneinfahrt. Das Hotel der gehobenen Klasse ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Abbildung erst 20 Jahre alt und gehört zum Beginn der klassizistischen Ära Frankfurter Bauens, die schließlich 1809 als offizielle Bauform angekündigt wurde. Die elegant flanierende Dame im bodenlangen Kleid, geschnürt direkt unter dem Busen, aufregend und federleicht geschmückt auf dem Kopf, ist ganz à la mode. Sie kommt zumindest aus England, wenn nicht gar aus dem modeführenden Paris. Ein Hotelgast des Englischen Hofes, vermutlich. Diese Frau von Welt hat das neue Zentrum Frankfurts - wir befinden uns im Jahre 1818 - für ihre Promenade gewählt. Empfehlenswert wäre ein Besuch der neuen Städelschen Kunstsammlung direkt am Platz, die Dienstag und Freitag nachmittags oder am Sonntag-Vormittag für das Publikum geöffnet ist. Zuvor sollte eines der vielgelobten Restaurants aufgesucht werden, vielleicht gleich jenes schräg gegenüber im Hotel Weidenbusch, um reichhaltig zu dinieren. Der Himmel ist stellenweise bewölkt, doch die Sonne scheint bereits hell um 11.35 Uhr - ja, so genau und fein wurde hier gezeichnet und gestochen, dass die Kirchturmuhr der Katharinenkirche zu erkennen ist. Im Schatten befindet sich die flache Fassade des Palais de Neufville und des Hauses Lutteroth, das erst kurz vor der Buchveröffentlichung, 1817, fertiggestellt wurde. Der Baumeister dieser drei abgebildeten Gebäude, der Franzose Salins von Monfort, war - so liest man mitunter - ein Glücksfall für das Formgepräge klassizistischer Bauwerkskunst und dem hiesigen ganz besonderen Stil, der sich in feiner Einfachheit und schlichter Eleganz, gut dosiert mit Erweiterungen des Empirestils, entwickeln konnte. Der Rossmarkt war um 1818 nicht nur der schönste freie Platz in Frankfurt - so jedenfalls beschrieb ihn der Autor der “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” Anton Kirchner -, sondern er war damals auch ein ganz moderner Platz, der das klassizistische Frankfurt präsentierte.

Wie bei der Darstellung des Rossmarktes hat der Künstler Anton Radl bei der “Zeile” eine neue Ansicht gewagt und zeichnete die Gebäude des Zeilbeginns mit der Hauptwache im Rücken. Die Frau im Fenster des damaligen Hotels Weidenhof zu linker Hand mag einen ersten Hinweis zu des Künstlers Entscheidung geben. Nachdem man weiss, dass der Weidenhof, das alt ehrwürdige Hotel, das einst unter dem Großvater von Johann Wolfgang florierte und nach dessen Tode von Herrn Vogelhuber, nämlich dem Vater der Frau des Verlegers dieser “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend” erworben wurde, meint man, dass die Frau im Fenster besagten Familienbesitzes, ein wenig frech und frohgelaunt zu dem gegenüberliegenden Gebäude hinüberschaut. Dieses nämlich beherbergte zu jener Zeit die Buchhandlung des Verlages der Gebrüder Wilmans - so jedenfalls beschreibt Fried Lübbecke die Immobiliensituation der Familie. Diese private Note blieb in den sachlichen Beschreibungen von Anton Kirchner unerwähnt. Der evangelische Pfarrer und Historiker widmete sich neben der ausführlich beschriebenen Geschichte auch der Gegenwart, die sich, verursacht durch die starken Veränderungen in der jüngeren Vergangenheit, in steter Bewegung befand. Die bürgerliche Tradition stets betonend, sammelte er ausführliche Informationen über die Stiftung der Städelschen Kunstsammlung, verwendete konkrete Zahlen wie die der ansässigen Buchhandlungen (15!) oder detaillierte Beschreibungen zum Reglement der Lesegesellschaft, die sich im Casinogebäude am Rossmarkt befand. Hingegen wurde der bei vielen kritisierte Vorsitz des Bundestages durch die Österreicher im Palais Thurn und Taxis nur in einem Satz kurz erwähnt, während er den Einfluss der zahlreichen Diplomaten, die die deutschen Fürsten vertraten und sich nun zahlreich in Frankfurt rumtrieben, in einem eigenen Kapitel thematisierte. Die Missachtung der Österreicher ist auffällig und erklärt auch den vaterländischen Ton, der auf eine Sympathie mit der deutschen Einheitsbewegung hinweisen möge. Der 15 Jahre ältere Friedrich Wilmans war Verleger der Romantiker Clemens Brentano, Ludwig Tieck, Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin und wusste sein Programm mit Reiseberichten, moralischen Unterhaltungsbücher, Volkssagen, auch mit einigen Rittergeschichten von Schriftstellerinnen empfindsam in Szene gesetzt, Werken zur Geschichte und - als Antwort auf den erstarkenden Rheintourismus - groß- und kleinformatige Rheinansichten in Kupferstich und Aquatintatechnik zu erweitern.


Seit 1807 arbeitete der Künstler und Stecher Anton Radl, der zuvor 13 Jahre bei dem auf Aquatintastich spezialisierten J.G. Prestel tätig war, für den Verlag Wilmans. Er begann dort als Reproduktionsstecher für die Ortsansichten am Rhein. Die “Ansicht von Wellmich” ist eines der großformatigen Aquatinta-Blätter, das der “Tresor am Römer” zu seinem Angebot zählt. Die Aquatinta ist ein Reproduktionsverfahren, das Anton Radl in der Frankfurter Werkstatt von seinem Meister Prestel erlernt hat. Dieser ist wohl als bekanntester damaliger deutscher Stecher dieser neuen Technik zu nennen, die es erlaubte, größere Flächen in einheitlichen Grautönen wiederzugeben.

Der Lehrer J.G.Prestel ist mit seinen Schülern häufig in die Natur gegangen, um dort das Zeichnen auch anhand von Baumstudien zu lehren, und tatsächlich hat Anton Radl in allen Ansichten außerhalb der Frankfurter Innenstadt die Landschaft betonend und akribisch dargestellt.

2008 erschien ein Katalog über die Arbeiten des damals hoch geachteten Frankfurter Künstler Anton Radl, in der sich auch die großformatige Ansicht von “Schlangenbad” befindet und in der die Schönheit der Natur gefeiert wird. Radls Helden sind die Bäume, buschig und prächtig, mitunter auch mit spärlichem Bewuchs, ungepflegt und schief gewachsen, mit verkrüppelten Astärmchen, beharrlich am Hang wachsend oder auch gerade und stabil, eigenständig und erhaben. Der Hinweis in “Ansichten von Frankfurt am Main und seiner Umgegend”, dass der Künstler die Zeichnungen nach der Natur angefertigt hat, lässt daran erinnern, dass diese Arbeitsweise nicht selbstverständlich war und betont die Authentizität von Radls Arbeiten. Bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts sind seine Ansichten wie der Rossmarkt und die Zeil kopiert worden und haben das Bild Frankfurts, der “Freien Stadt Frankfurt”, geprägt. 200 Jahre sind sie jetzt alt und werden interessiert wahrgenommen, angeregt besprochen, intensiv betrachtet und liebhaberisch gesammelt. (nns.)

KIRCHNER, Anton. Ansichten von Frankfurt am Main der umliegenden Gegend und den benachbarten Heilquellen.[Drucktitel]. 2 Bde. Frankfurt, Gebr. Wilmans, 1818. Gr.-8°. 6 nn. Bl., 376 S.; 11 nn., 1 w. Bl., 283 S., mit 2 gestochenen Titeln, 1 gefalteten Tabelle und 25 Kupfertafeln. Leder der Zeit mit Rückenschild, (berieben, Einbände restauriert). 2.400,00

Erste Ausgabe. - Demandt I, 774; Sauer 247. - Erste illustrierte Stadtbeschreibung, die auch das Umland mit einbezieht. Mit den berühmten Ansichten von Frankfurt und Umgebung, die nach Vorlagen von Anton Radl gestochen wurden. - Enthält 12 Gesamt- und Teilansichten von Frankfurt (Zeil, Rossmarkt, Römerberg), Ansichten von Bergen, Bornheim, Hausen, Offenbach, Kronberg, Königstein, Wilhelmsbad, Bad Soden, Wiesbaden, Schwalbach usw. - Ohne den nicht allen Exemplaren beigegebenen Plan. - Wie meist etwas stockfleckig.

SCHLANGENBAD. Ansicht von Schlangenbad. Blau aquarellierte Umrissradierung von F.A. Schmidt nach A.Radl. Frankfurt, Wilmans, um 1819. 41 x 52. Gereinigt. € 1.200,00

Katalog Mus. Giersch, 87.

ST.GOARSHAUSEN. Gesamtansicht mit Burg Maus. (Vue de Welmich). Altkolorierte Aquatinta von Radl nach Schütz. Frankfurt, 1810. 42 x 58,2. Ausgabe vor der Schrift. € 750,00

Gerahmt mit Echtgoldrahmen. Rahmen minimal bestossen.

Literatur:

Vogt, Günther, Frankfurter Bürgerhäuser des 19.Jahrhunderts, Frankfurt a.M., 1970
Lübbecke, Fried, Fünfhundert Jahre Buch und Druck in Frankfurt am Main, Frankfurt a.M., 1948
Kunstlandschaft Rhein-Main, Malerei im 19.Jahrhundert 1806-1866, Frankfurt a.M., 2000
Anton Radl (1774-1852) - Maler und Kupferstecher, Frankfurt a.M., 2008